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Jüdisches Echo 2017

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Rahmenbedingungen, die die Gestapo und die deutsche
Grenzpolizei diktierten, schmuggelte Schleich ab 1938
gegen entsprechende Honorare in großem Stil Jüdinnen
und Juden aus Österreich und bald auch aus den übrigen
Reichsgebieten über die Grenze. Bedingung war, dass die
Betroffenen einen gültigen ,,J"-Pass und eine Steuerun
bedenklichkeitsbescheinigung besaßen. Schleich musste
seinerseits Taxiunternehmer und Bauern bezahlen, bei
denen die Flüchtlinge oft tagelang auf einen günstigen
Zeitpunkt für den Grenzübertritt warten mussten.
Am 12. März 1941 wurde Schleich verhaftet und
in der Folge wegen Verstoßes gegen Devisengesetze des
Deutschen Reiches zu sechs Monaten Gefängnis und ei
ner hohen Geldstrafe verurteilt. Allein im Zeitraum von
Oktober 1940 bis zu seiner Festnahme hatte er mindes
tens 1162 Juden über die grüne Grenze geschleust. Nach
dem Krieg wurde neuerlich ein Strafverfahren gegen ihn
eingeleitet, da ihm Überlebende zur Last legten, er habe
ihr Eigentum unterschlagen und sich unter Ausnutzung
ihrer Notlage bereichert.
Am Fall des österreichischen ,,Judenschleppers"
Josef Schleich lässt sich die Ambivalenz der Thematik
verdeutlichen. Denn andere von Schleich gerettete ehe
malige Flüchtlinge versuchten jahrelang, die Jerusalemer
Holocaustgedenkstätte Yad Vashem zu einer Ehrung
Schleichs als ,,Gerechter unter den Völkern" zu bewegen.
Das Ansinnen wurde mit der Begründung abgelehnt,
dass Schleich im Dienste der Gestapo gestanden habe
und somit Teil des nationalsozialistischen Vertreibungsund Beraubungsapparates gewesen sei.
Auch die Tschechoslowakei, die nach dem ,,An
schluss" Österreichs ihre Grenzen dichtgemacht hatte,
wurde mit einem Massenansturm illegal Einreisender
konfrontiert. Häufig schlugen die Fluchtversuche aller
dings fehl und es kam, wie Kateina Capková und Mich
al Frankl festhalten, zu einer regelrechten ,,Jagd auf die
Emigranten". Der von ihnen zitierte zeitgenössische Be
richt einer Brünner Hilfsorganisation untermauert die
sen Befund:
,,Die tschechoslowakischen Grenzorgane gehen so
vor, dass sie die Emigranten, die in die Tschechoslowakei
flüchten wollen, nicht über die Grenze lassen, sondern
sie von der Grenze fortjagen, so dass die Emigranten oft
stundenlang durch den Wald und oft auch durch Sumpf
gebiete irren. Oft werden sie bis zu dreimal von den
tschechoslowakischen und österreichischen Grenzorga
nen von der Grenze verjagt, oder auch auf der einen oder
anderen Seite verhaftet. Wenn sie es endlich geschafft
haben, sich unter großen Anstrengungen und Entbeh
rungen und meist völlig niedergeschlagen und ausgehun
gert auf tschechoslowakischen Boden durchzuschlagen,
droht ihnen auch hier die Verhaftung."5
Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei im
März 1939 standen den Verfolgten nur noch wenige
Fluchtwege aus dem Land offen. Eine der Routen führte

östlich der nordmährischen Stadt Ostrau (Ostrava) über
die polnische Grenze beziehungsweise durch die Kohle
gruben unter dieser hindurch. Auch aus Polen wurden
die Flüchtlinge vielfach wieder ins Deutsche Reich zu
rückgeschoben.
Zwischen 1938 und Mai 1940 wurden zahlreiche
Flüchtlinge von der Riviera dei Fiori an die Côte d'Azur
geschmuggelt, und zwar sowohl über die Berge als auch
auf dem Seeweg. Die Polizei des faschistischen Italien hat
te schon im Frühjahr 1938 die Abschiebung von Juden
über das Gebirge oberhalb der italienisch-französischen
Küste erfolgreich erprobt. Die örtlichen Behörden hatten
die Kontrolle über die illegalen Grenzüberschreitungen
auf dem Landweg übernommen und die einheimischen
Wegführer weitgehend ausgeschaltet.
Nachdem das Innenministerium am 28. Januar
1939 den Präfekten verordnet hatte, ,,die Ausreise der Ju
den (...) zu erleichtern", wurden illegale Grenzübertrit
te von den Polizeibehörden begünstigt. Die Grenzmiliz
übernahm die Rolle von ,,Schleusern" im Staatsauftrag.
Wiederholt wurden Juden auch hier tagelang zwischen
der französischen und der italienischen Seite der Grenze
hin und her geschoben.
,,Die örtlichen Behörden behandelten die Juden wie
,Pakete` mit Anschriften im Ausland und die Schiffer
und Fischer wie ,Spediteure`. Die Polizei brachte beiden
offene Verachtung entgegen. (...) für die Flüchtlinge
bedeuteten die Fischer und Schiffer die augenblickliche
Rettung, und für die Transportunternehmer war der
Exodus eine wichtige, wenn auch nur vorübergehende
Einnahmequelle", schreibt Paolo Veziano.6 Einer der
,,Transportunternehmer", der Hotelbote Mario Toselli
aus Ventimiglia, hatte in kurzer Zeit eine effiziente, über
das Grenzgebiet verzweigte ,,Schiffsagentur" aufgebaut,
die bald eine Monopolstellung einnahm und über ein
Netz von ,,Agenten" verfügte. Gemäß den Berechnun

Flüchtlingskonferenz von Evian im Juli 1938: Keine internationale
Lösung gefunden

Vol.65: BEDROHUNGEN, FEINDBILDER, SÜNDENBÖCKE

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