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Jüdisches Echo 2017

Seite 65 Jüdisches Echo 2017Dienstleistung gegen Bezahlung, also aus ,,Profitgier",
angeboten haben. Unbestritten ist, dass Flüchtlinge mit
unter von ihren vermeintlichen Helfern ausgeplündert,
in Einzelfällen sogar ermordet wurden. Die genauere
Analyse zeigt jedoch, dass das Phänomen in Wirklichkeit
vielschichtiger war. Für zahlreiche Überlebende war es im
Rückblick nicht von vorrangiger Bedeutung, ob sich die
Fluchthelfer bereichert hatten oder nicht. Viel entschei
dender war für sie die Tatsache, dass sie den Verfolgern
entkommen waren. Ein negatives Bild der Fluchthelfer
zeichneten vor allem jene, deren Fluchtversuche miss
lungen waren oder die von Schleppern im Stich gelassen
oder ihrer letzten Habe beraubt worden waren.
Zahlreiche jüdische und christliche sowie nichtkonfessionelle Hilfsorganisationen und politische Grup
pierungen, aber auch jüdische Gemeinden waren in die
illegale Fluchthilfe involviert, oft unter größtmöglicher
Geheimhaltung. Es gab jedoch auch Fälle, in denen
einzelne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gegen die
Grundprinzipien ihrer jeweiligen Organisation verstie
ßen, indem sie sich illegaler Methoden bedienten, um
Verfolgte zu retten. Solche Alleingänge konnten den

Flucht zwischen Rettung
und Ausbeutung
Die Verfasserin hat sich mit dem Thema im Rahmen
eines Forschungsprojekts über die Bedeutung der
illegalen Ein- und Auswanderung und der Fluchthilfe
für die Rettung rassistisch und politisch Verfolgter
während der NS-Zeit beschäftigt. Das Projekt wurde
vom Zukunftsfonds der Republik Österreich gefördert. Der vorliegende Beitrag ist die aktualisierte
Version eines Artikels, der bereits in dem von Gisela
Dachs herausgegebenen, im Jüdischen Verlag im
Suhrkamp Verlag erschienenen Jüdischen Almanach
2015 zum Rahmenthema ,,Grenzen" publiziert worden ist. Im Frühjahr 2016 ist im Mandelbaum Verlag
(Wien) der von Gabriele Anderl und Simon Usaty herausgegebene Sammelband ,,Schleppen ­ schleusen
­ helfen. Flucht zwischen Rettung und Ausbeutung"
erschienen. Dort wird das Thema zeitübergreifend,
also auch mit Bezügen zu gegenwärtigen Entwicklungen, untersucht. Mit unerlaubten Grenzübertritten
während der NS-Zeit befassen sich Beiträge von
Dennis R. Laffer, Charmian Brinson/Marian Malet,
Wolfgang Schellenbacher, Friedrich Stepanek, Edith
Hessenberger, Michael Kasper, Alfons Dür, Stefan
Keller, Giorgia Sogos, Paolo Veziano, Klaus Voigt,
Heimo Halbrainer, Victoria Kumar, Philipp Mettauer/
Regula Nigg, Katarzyna Woniak, Christian Kretschmer, Gabriele Anderl, Claire Lévy-Vroelant, Christoph
Reinprecht, Irene Messinger und Anne Klein. Sie
seien als weiterführende Literatur empfohlen.

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Ausschluss der Betroffenen nach sich ziehen. Bruchlinien
verliefen quer durch jüdische Gemeinden und Organisa
tionen: Während für die einen die extreme Notlage fast
jedes Mittel rechtfertigte, weigerten sich andere bis zu
letzt, den Weg der Legalität zu verlassen.
Einige Länder waren in besonderem Maß von der
illegalen Einreise von Flüchtlingen betroffen. Das hatte
einerseits mit der geografischen Lage zu tun, andererseits
mit der Tatsache, dass eine legale Immigration wegen der
restriktiven Gesetze und administrativen Maßnahmen
nicht möglich war.
Das bekannteste Beispiel ist die neutrale Schweiz,
deren Flüchtlingspolitik während der NS-Zeit eines der
dunkelsten Kapitel in der Geschichte dieses Landes dar
stellt. Die eidgenössische Flüchtlingspolitik folgte, wie
der Schweizer Historiker Stefan Keller festgestellt hat,
mit wenigen Ausnahmen ,,direkt dem Rhythmus der na
tionalsozialistischen Rassenpolitik: Immer dann, wenn
im Deutschen Reich oder in den besetzten Ländern (...)
die Verfolgung zunahm und sich Menschen davor zu ret
ten versuchten, verschärfte die Schweiz ihre Asylbestim
mungen."3
Am 28. März 1938, also kurz nach dem ,,Anschluss"
Österreichs, führte der schweizerische Bundesrat die Vi
sumspflicht für Inhaber österreichischer Pässe ein. Am 18.
August 1938 verfügte er, dass Flüchtlinge aus Österreich
ohne Visum an der Grenze ausnahmslos in ihr Herkunfts
land zurückzustellen seien, was in aller Härte in die Praxis
umgesetzt wurde. Am 4. Oktober 1938 einigte sich der
Bundesrat mit dem nationalsozialistischen Deutschland
darauf, dass die Reisepässe von Jüdinnen und Juden mit
einem roten ,,J" gekennzeichnet werden sollten.
Nachdem sich Anfang Juli 1942 deutsche und fran
zösische Behörden auf die Deportation aller nicht-franzö
sischen Juden geeinigt hatten, kam es in ganz Frankreich
zu Razzien, und bald darauf setzten die Deportationen
in die Vernichtungslager ein. Als letzte Fluchtmöglich
keiten blieben der Weg über Spanien nach Portugal oder
jener in die Schweiz. Diese stellte sich angesichts des neu
erlichen Zustroms von Verfolgten auf den Standpunkt,
dass Menschen, die ,,nur" aus rassistischen Gründen ver
folgt waren, nicht als politische Flüchtlinge anzusehen
seien und an den Grenzen konsequent zurückgewiesen
werden sollten. Am 25. September 1942 erließ der Bun
desrat ein neues Gesetz, das die Bestrafung von Flucht
helfern vereinfachte, wobei für deren gerichtliche Ver
folgung inzwischen die Militärjustiz zuständig war. Im
November 1942 wurde auch die französische Südzone
von den Deutschen besetzt. Im darauffolgenden Dezem
ber wurde in der Schweiz der Grenzbereich als ein zehn
bis zwölf Kilometer breiter Gebietsstreifen definiert, aus
dem ,,Ausschaffungen" möglich waren. Der Justiz- und
Polizeiminister Eduard von Steiger prägte in dieser Zeit
den Satz vom ,,vollen Rettungsboot", das keine weiteren
Schiffbrüchigen mehr aufnehmen könne.
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