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Jüdisches Echo 2017

Seite 61 Jüdisches Echo 2017daher immer mit der Angst im Nacken, dass sie es nicht
über die Grenze nach Österreich schaffen, sondern dort
in irgendeinem Lager landen. Die gesamte Familie wird
am nächsten Tag mithilfe unserer wunderbaren, kinder
reichen Nachbarn neu eingekleidet, sie bekommen ei
nen kleinen Windelvorrat mit. Als diese zarten, kleinen
Menschen weiterreisen, zerreißt es mir fast das Herz. Ich
lege ihre gesamte bei uns zurückgebliebene Kleidung auf
den Boden und fotografiere sie. Es riecht intensiv nach
Schweiß und Angst. Möge Wien das Ende der Flucht
und der Beginn des Ankommens in Sicherheit für sie be
deuten.
Retrospektiv stelle ich nun, zehn Monate später,
fest: Von all unseren Gästen im Herbst und Winter 2015
nützt keiner unsere Gastfreundschaft aus. Niemand be
stiehlt uns, niemand ist schockiert, von Juden Hilfe zu
bekommen. Ich erkläre: Meine Familie, meine Großmutter waren wie du. Sie mussten weg aus Wien und andere
Menschen in England haben ihnen geholfen. Deswegen
helfen wir jetzt. Von ausnahmslos allen diesen Familien
aus Syrien hören wir später, sobald sie genug Stabilität in
ihrem neuen Leben haben: Anrufe, Briefe, Festessensein
ladungen ­ und eben das SMS aus Norwegen.

Wir möchten Ihnen helfen. Vor siebzig Jahren haben wir
Juden und Jüdinnen uns in einer ähnlichen Situation
befunden wie Sie jetzt: Unsere Großeltern und Eltern
mussten aus Österreich fliehen. Antisemitische National
sozialisten verfolgten sie. Unsere Großeltern und Eltern
wurden Flüchtlinge, auf der Suche nach einem sicheren
Platz zum Leben. Wir sind die Kinder und Enkelkinder
dieser Generation jüdischer Flüchtlinge. Wir wissen, wie
dankbar unsere Großeltern und Eltern all den Menschen
waren, die ihnen beim Überleben geholfen haben. Wir
haben gelernt: Menschen in Not Menschlichkeit, Liebe
und Herzlichkeit zu geben ist ein wertvolles Geschenk.
Wir möchten Sie willkommen heißen. Wir hoffen, gemeinsam in einer friedlichen Gemeinschaft zu leben. Wir
hoffen, dass Sie sich eines Tages an unsere Hilfe erinnern.
Wir glauben, dass wir alle G'ttes Kinder sind. Liebe und
Güte vereinen uns. Wir Muslime, Christen und Juden sind
historisch und biblisch verwandt. Wir haben denselben Urvater Abraham/Ibrahim und benennen unsere Kinder nach
ihm.
Möge Frieden in Ihr Land zurückkehren, so dass Sie
nach Hause zu Ihren Liebsten können, wenn Sie möchten.
Möge Frieden sein unter Ihren Nachbarn.
Und mögen unsere Kinder als Freunde aufwachsen!

Nach der Fluchthilfe: das Ankommen

Wir stellen uns den Fragen, den Sorgen, dem Schmerz
dieser hierher geflüchteten Familien. Wir erleichtern
ihr Ankommen, das Kennenlernen der neuen Sprache
und der Stadt. Wir handeln unbürokratisch, individu
ell und direkt. So sind wir für die meisten Familien die
Ersten in Österreich, die ihnen ,,als Mensch" (und nicht
in einer beruflichen Rolle oder mit einem bestimmten
Ziel) begegnen. Als Shalom Alaikum bieten wir indivi
dualisierte Hilfe, eine soziale Infrastruktur, schließen
Freundschaften und nützen unser großes Netzwerk, um
Bedürfnisse maßgeschneidert zu erfüllen. Inzwischen
unterstützen über tausend Menschen via Facebook mit
Zeit-, Geld- und Sachspenden diese Arbeit, z. medi
B.
zinische Versorgung, Schul- und Ausbildungsplätze,
juristische Angelegenheiten betreffend Asylverfahren,
Abschiebung, Familienzusammenführung, Wohnungs
suche usw. Wir konzentrieren unsere Ressourcen und
Aktivitäten bedarfsorientiert auf jene Dinge, die in der
persönlichen Interaktion ermittelt wurden. Bei regelmä
ßigen ,,Sprechstunden" und täglichen Besuchen geht es
bei den Familien überwiegend um Themen wie Schwan
gerschaft und Geburt, Beschaffung von Kindergarten
plätzen, Impfungen, Organisation von Spielgruppen
und den heiß ersehnten beruflichen Neuanfang.
Innerhalb der jüdischen Gemeinde werden Ängste
vor einem ,,importierten Antisemitismus" geäußert. Wir
nehmen diese Ängste ernst, aber wir verharren nicht in
der Angststarre. Wir treten gegenüber den Flüchtlingen
klar als jüdische Gruppe auf und haben damit ausschließ
lich gute Erfahrungen gemacht. ,,Ah, Cousins!", meinte

Schließlich finde ich mich mit einer kleinen Gruppe
jüdischer Frauen zusammen. Jede einzelne ist für sich seit
einigen Monaten in Wien in der Flüchtlingshilfe aktiv.
Alle haben ähnliche Erfahrungen gemacht wie ich und
sind voller Zuversicht. Wir gründen im Oktober 2015
den Verein Shalom Alaikum ­ Jewish Aid for Refugees
in Vienna und bündeln unsere Kräfte und Aktivitäten
mit Fokus auf jene Menschen, die beschlossen haben, in
Wien zu bleiben.

«Als Shalom Alaikum bieten wir individualisierte

Hilfe, eine soziale Infrastruktur, schließen Freundschaften und nützen unser großes Netzwerk, um
Bedürfnisse maßgeschneidert zu erfüllen.»
Wir begleiten nun gemeinsam seit Chanukka 2015
ehrenamtlich rund zwanzig nach Wien geflüchtete Fami
lien (hundert Menschen, die Hälfte davon Kinder), die
in einem von Wiener Wohnen ­ Fonds Soziales Wien
betriebenen Haus Unterkunft gefunden haben. Zu den
Flüchtlingen/AsylwerberInnen, die wir begleiten, gehö
ren Menschen aus Syrien, Irak, Iran, Afghanistan und
Nigeria. Oftmals sind wir die ersten jüdischen Men
schen, die sie treffen. Zu Beginn der gemeinsamen Arbeit
erklärten wir unsere Motivation in einem viersprachigen
Willkommensbrief:
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