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Jüdisches Echo 2017

Seite 56 Jüdisches Echo 2017der Transport der Flüchtlinge von Grenze zu Grenze, von
Camp zu Camp nicht als Weitertransport ins Ausland, son
dern als Binnentransport, und der Auslass ist keine Grenz
abfertigung, weil es die Grenze eigentlich nicht mehr gibt.
Das Militär unterstützt uns, doch kein Soldat öffnet jemals
die Pforte zur Brücke, die nach Deutschland führt.
Um etwa zehn nach vier kündigt die deutsche Poli
zei eine halbstündige Pause an. Nach einigem Geschiebe
und Gezerre herrscht plötzlich gespenstische Ruhe im ge
samten Doppelzelt, unterbrochen nur von regelmäßigem
Husten, Schnäuzen und gelegentlichem Seufzen. Ein al
ter Mann trägt einen weißen Mundschutz. Er wirkt sehr
krank. Drei junge Erwachsene stützen ihn, erklären ihm
hin und wieder etwas im Flüsterton, reden ihm gut zu.
Kinder sitzen still neben ihren Eltern oder auf deren
Schoß und starren uns mit weit aufgerissenen Augen an.
Ein junger Mann hat sich auf den Asphaltboden gelegt
und schläft. Eine zusammengerollte Decke dient ihm
als Kissen. Andere legen die Köpfe auf die Schulter des
Nachbarn oder der Nachbarin, nicken ein, fahren hoch
bei jedem Geräusch. Geht es weiter? Wann geht es wei
ter? Warum geht es nicht weiter?

«Später werden sie über die Nacht berichten,
als sie in Deutschland angekommen waren. Sie
werden sich das Datum merken, Schulaufsätze
schreiben, Interviews geben, ihren Kindern davon
erzählen.»
Wir stehen und warten. Die Flüchtlinge sitzen und war
ten. Die Menschen draußen in der Schlange stehen, frie
ren und warten. Die Soldaten erklären ihnen, sie mögen
wieder in die Tiefgarage gehen, doch sie rühren sich nicht
vom Fleck. So knapp vor dem Ziel kehren sie nicht mehr
um. Viele von ihnen waren tausende Kilometer unter
wegs. Keinen Meter mehr gehen sie zurück. Ich nehme
den Flüchtlingen in den Zelten die Decken ab und teile
sie an die Wartenden draußen aus.
Ich gehe in den schmalen Außenbereich zwischen
dem Zelt und den ersten Gitterzaun, um zu rauchen.
Asphalt unter meinen Füßen. Ein paar Büsche rechts
und links. Kippen überall. In den Zelten auf der anderen
Flussseite brennt Licht. Die Dunkelheit und der Nebel
haben sie scheinbar in die Ferne gerückt, so als wären
sie weit weg und winzig klein und würden einige Me
ter über der Erde schweben: leuchtende Fenster, Kontu
ren im Zwielicht und rundherum nur Dunkelheit. Das
Rauschen des Wassers und der Fluss ­ noch schwärzer
als der Himmel. Russische Märchen fallen mir ein, die
mir als Kind erzählt wurden. Ich denke an die Hexe Baba
Jaga und ihr Häuschen, das auf Hühnerfüßen mitten im
Wald steht und sich fortbewegt, wenn man ihm als unge
betener Gast zu nahe kommt.

Wenn die Flüchtlinge in der Nacht über die Brücke
gehen, hat man den Eindruck, sie würden, sobald sie den
Lichtkegel der Straßenlaterne verlassen haben, im Nichts
verschwinden.
Hinter meinem Rücken höre ich das nicht aufhören
wollende, verzweifelt klingende Husten des alten Man
nes, und mir drängt sich zum wiederholten Male die Fra
ge auf, was ich hier eigentlich mache, warum all diese
Menschen nicht in Istanbul in den Zug oder in ein Flug
zeug steigen, um ohne Zwischenstopps nach Deutsch
land zu kommen. Stattdessen bin ich hier und erschaffe
Erinnerungen. Hunderte Flüchtlinge haben meine bei
den Kollegen und ich in dieser Nacht in die Zelte hinein,
durch die Zelte hindurch und aus den Zelten hinaus be
gleitet. Nur wenige von ihnen bleiben uns im Gedächt
nis. Viele von ihnen werden sich allerdings sehr gut an
uns erinnern, ist dies doch ein existenzieller Moment
ihres Lebens. Später werden sie über diese Nacht be
richten, die Nacht, als sie in Deutschland angekommen
waren. Sie werden sich das Datum merken, Schulaufsät
ze darüber schreiben, Interviews geben, ihren Kindern
davon erzählen. Manche werden nie vergessen, wie wir
aussahen, wie sie uns wahrgenommen und was wir getan
hatten. Welches Bild wird sie ihr Leben lang begleiten?
Ein Lächeln? Eine nette Geste? Ein schroffer Befehl? Der
Schokoriegel, den ich einem verletzten Zehnjährigen
schenkte, der am Boden lag? Sollten wir das alles nicht
mitbedenken, wenn wir an dieser Stelle einer Routinetä
tigkeit nachgehen? Und wenn wir das mitbedenken, sind
wir dann überhaupt noch handlungsfähig?
Ein junger Mann folgt mir ins Freie, um zu rauchen,
schaut sich um und sagt: ,,I love Europe!"
,,Really?"
,,Yes, it's beautiful! I love it!", verkündet er mit freu
diger Stimme. Sein Englisch ist ausgezeichnet. Vor dem
Krieg habe er in Damaskus Europäische Geschichte stu
diert. Schwerpunkt: Mitteleuropa.
Wir reden über Grenzen und über Flucht. 1945 seien
acht Millionen Menschen in Mitteleuropa als Flüchtlinge
unterwegs gewesen, erklärt mir der gebildete junge Syrer.
Ja, ich weiß, sage ich. Vor 1938 hätten Flüchtlinge
aus Deutschland die Grenze Richtung Österreich über
quert. Während der Nazi-Zeit seien Juden und Regime
gegner aus Salzburg geflüchtet. Nach dem Krieg habe es
in Salzburg Dutzende Lager für Displaced Persons, dar
unter viele Juden auf dem Weg nach Palästina, und für
Heimatvertriebene gegeben. Sie alle hätten es anfangs
schwer gehabt. Auch er werde es nicht leicht haben. Ja,
ich weiß, sagt er schmunzelnd. Ich schaffe das schon.
Ein paar weitere Flüchtlinge verlassen ebenfalls das
Zelt und zünden sich Zigaretten an.
,,Is that Germany?", fragt mich ein anderer junger
Mann und zeigt mit dem Finger auf die Zelte am ande
ren Ufer.
,,Yes."

Vol.65: BEDROHUNGEN, FEINDBILDER, SÜNDENBÖCKE

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