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Jüdisches Echo 2017

Seite 33 Jüdisches Echo 2017Von Ben Segenreich

Ob UNO, EU oder heimische Medien ­ reflexartig
wird Israel zum Feindbild erklärt, in einem
doch längst nicht mehr auf einen Brandherd
begrenzten Nahostkonflikt.

Mahmud Abbas im EU-Parlament: Applaus von den Abgeordneten
für Brunnenvergifter-Legende

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Am 23. Juni dieses Jahres hielt Mahmud Abbas in Brüssel
eine Rede vor dem Plenum des Europaparlaments. Der
Palästinenserpräsident sprach dabei die folgenden Sätze:
,,Erst vor einer Woche sind einige Rabbiner in Israel
aufgestanden und haben eine klare Erklärung veröffent
licht, in der sie von der Regierung fordern, das Wasser zu
vergiften, um Palästinenser zu töten. Ist das keine klare
Verhetzung zum kollektiven Mord am palästinensischen
Volk?"
Die Anschuldigung ist gespenstisch und schockie
rend. Noch gespenstischer und schockierender ist, dass
es am Ende der Rede stehende Ovationen der EU-Ab
geordneten gab, die noch nicht wissen konnten, dass die
palästinensische Präsidentenkanzlei am Tag danach die
Anschuldigung als ,,ohne Grundlage" wieder zurückneh
men würde. Ja, Abbas hat in dieser Rede nicht nur über
Massengiftmord fantasiert, sondern auch Dinge gesagt,
die in europäischen Ohren gut klingen. Aber die Par
lamentarier sollten doch ein Sensorium für das haben,
was hier mitschwang ­ nämlich ein Nachhall der mittel
alterlichen Brunnenvergiftungslegenden, also klassische
Judenfeindschaft europäischer Prägung.
So etwas hätten geschichts- und verantwortungs
bewusste europäische Führungspersönlichkeiten nicht
hinnehmen oder gar bejubeln dürfen, egal, in welcher
Verpackung es dahergekommen ist.
Es war ein ziemlich unappetitlicher Vorfall, aber
überraschend war er nicht. In vielen Hirnen oder Herzen
waltet offenbar ein Drang, von Israel Böses zu erwarten.
Man kann Israel natürlich viel vorwerfen: über die Jahr
zehnte bis in die Gegenwart hinein begangene Fehler bei
politischen Entscheidungen oder militärischen Unter
nehmen, vom falschen Ton über unverhältnismäßige Re
aktionen bis hin zu vielleicht rechtswidrigen Handlun
gen, sei es gegenüber eigenen Minderheiten, regionalen
Nachbarn oder sogar befreundeten Ländern. Aber man
sollte darüber den Blick für den Grundkontext nicht ver
lieren: Israel ist wirklich eine Demokratie, ein liberales
Sammelsurium von Kulturen und Religionen, es hat ein
funktionierendes Rechtssystem, hyperkritische Medien,
westlich-humanitäre Werte.
Und das müsste einem westlichen, demokratisch
gesinnten Publikum doch von vornherein einmal recht
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Legenden, Reflexe und Obsessionen zu Israel

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