< Seite 31
Seite 33 >

Seite 32

Jüdisches Echo 2017

Seite 32 Jüdisches Echo 2017Suche nach sexuellen Partnerinnen veranstaltete Adil in
konfessionellen Bahnen und unter Zuhilfenahme ritu
eller Hüllen: so überredete er mehrmals streng gläubige
Muslimas zu einer ,,religiösen Heirat", um sie gleich nach
dem ,,Vollzug" wieder zu verstoßen. Einer umgarnten
jungen Frau drohte er online: ,,Ich möchte dich vor dem
Ramadan (dem islamischen Fastenmonat Anm.) heira
ten. Wenn du Nein sagst, bring ich mich um."
Alltagsdruck durch eifernde Muslime
In solch einem Kontext geraten die hyperorthodoxen
Teile der muslimischen Szene ­ meist unter dem Begriff
,,Salafisten" subsumiert ­ unter Verdacht, darunter auch
jene, die einem weltabgewandten Pietismus ohne politi
sche Agenda huldigen und sich stellenweise vom dschi
hadistischen Terror klar distanziert haben.
Die eiferndsten Teile des Islams sind zwar schwer
quantifizierbar, sie sorgen aber für Unbehagen und Rei
bungspunkte im alltäglichen Zusammenleben. Da geht
es nicht um Terror, aber um anhaltenden Druck, den
jüngere Muslime in einigen Vierteln und Siedlungen
ausüben können. Eine katholische Sozialaktivistin, die
früher ganz selbstverständlich konfessionsübergreifend
tätig war, erzählt: ,,Wir mussten Kinder christlicher afri
kanischer Eltern aus einer Schule in eine andere bringen,
weil sie dort, wo sie ursprünglich waren, von der mus
limischen Mehrheit ständig bedrängt wurden, sich zu
bekehren, und deswegen immer Tätlichkeiten ausgesetzt
waren. Das hat mich schon erschüttert."
In Mantes-la-Jolie, wo (wie eingangs geschildert)
der Moscheen-Verband im Juni zu einer Trauerdemonst
ration für das ermordete Polizistenpaar aufgerufen hatte,
reagierte ein katholischer Geistlicher mit einer gewissen
Skepsis auf diesen muslimischen Solidaritäts-Elan: ,,Das
ist für uns im lokalen Kontext nicht so einfach. Die mus
limischen Kinder, die hier den Koranunterricht in Mo
scheen besuchen, sagen unseren christlichen Kindern, sie
würden in der Hölle landen." Und die Chefredakteurin
der liberalen katholischen Tageszeitung ,,La Croix", Isa
belle de Gaulmyn, warnte zwar vor ,,Verallgemeinerun
gen", ortete aber doch einen ,,Nachholbedarf bei Musli
men in Sachen Pluralität und Toleranz".
Es ist von Ort zu Ort unterschiedlich, ob muslimi
sche Glaubensstrukturen zumindest als günstiges Um
feld für Dschihadistenkreise dienen oder, im Gegenteil,
das Abdriften von anfälligen jungen Menschen zu stop
pen versuchen und nötigenfalls die Behörden alarmieren.
Jüdische Dschihad-Opfer übergangen
Wie verzwickt und hürdenreich sich dieses Ringen im
muslimischen Milieu gestaltet, offenbarte sich zuletzt

ausgerechnet bei einer grundsätzlich sehr positiven und
ermutigenden Initiative. Muslimische Persönlichkeiten
­ darunter Politiker, Schriftsteller, Philosophen, Theo
logen, Ärzte, Forscher, Künstler, Juristen, Unternehmer,
Manager und Banker ­ veröffentlichten in der Zeitung
,,Le Journal du Dimanche" einen vielbeachteten Aufruf
für eine Erneuerung der Instanzen des französischen
Islams. Die gegenwärtigen Strukturen seien unfähig,
,,endlich den Kulturkampf gegen den radikalen Islamis
mus zu führen ... Die Muslime in Frankreich bestehen
zu fünfundsiebzig Prozent aus Franzosen. Die Mehrheit
davon ist jung oder sehr jung. Zahlreiche unter ihnen
sind in die Fänge der Ideologien des dschihadistischen
Islams und des politischen Islams geraten. Die traditio
nellen Vertreter (des Islams) verstehen sie nicht, weil sie
sie schlicht nicht kennen."
So weit, so gut. Aber eingangs hatten die Verfasser in
ihrem Aufruf alle Terroranschläge der vergangenen Jah
re aufgezählt ­ unter Auslassung der Geiselnahme und
Ermordung von vier Kunden im jüdischen Supermarkt
Hyper-Casher in Paris im Januar 2015 (fast zeitgleich
zum Gemetzel in den Redaktionsräumen von ,,Char
lie Hebdo", das im besagten Aufruf sehr wohl erwähnt
wurde). Nicht genannt blieb auch die Ermordung von
drei Kindern und einem Lehrer in einer jüdischen Schu
le in Toulouse im März 2012 (der eigentliche Auftakt
der dschihadistischen Morde in Frankreich. Wobei der
Attentäter, der dreiundzwanzigjährige Franko-Algerier
Mohamed Merah, ein Anhänger von Al-Kaida, knapp
zuvor auch drei französische Soldaten, darunter zwei
Franko-Maghrebiner, erschossen hatte).
Als erste, vorsichtige Kritik seitens jüdischer Or
ganisationen an diesen Auslassungen geäußert wurde,
veröffentlichten die Autoren des Aufrufs ein Postskrip
tum: ,,Wir (...) machen keinen Unterschied zwischen
den Opfern des blinden Terrors, der unsere Nation trifft
(...) Ob jüdische Schüler in Toulouse oder Kunden des
Hyper-Casher, die ermordet wurden, weil sie Juden wa
ren, ob ein katholischer Priester, der in seiner Kirche
zum Märtyrer wurde, ob ein muslimischer Soldat oder
ein Polizist, die während ihres Dienstes erschossen wur
den ... die Liste der Opfer ist schrecklich lang und so
verschieden wie die Zusammensetzung unserer Nation
(...) Wir werden gemeinsam ­ Juden, Christen, Mus
lime, Agnostiker und Nichtgläubige ­ diesen Kampf
führen müssen, mit all unseren Kräften (...) Bleiben wir
solidarische Bürger."
Diese nachträgliche ,,Präzisierung" (wie die Auf
rufs-Autoren ihr Postskriptum nannten) wurde von
jüdischen Persönlichkeiten wohlwollend aufgenom
men und beendete die Polemik. Aber die ursprüngliche
Auslassung der jüdischen Dschihad-Opfer könnte den
namhaften Psychoanalytikern (die ebenfalls unter den
Aufrufs-Unterzeichnern vertreten sind) noch Anlass für
manch überraschende (Selbst-)Erkenntnis bieten. 2

Vol.65: BEDROHUNGEN, FEINDBILDER, SÜNDENBÖCKE

31

zurück zum Anfang von "Jüdisches Echo 2017"