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Jüdisches Echo 2017

Seite 142 Jüdisches Echo 2017übersetzte auch einige Romane von Joseph Roth ins
Polnische. Der bekannte ukrainische Autor Ivan Franko
publizierte auch in Polnisch und Deutsch seine Korres
pondenzen aus Galizien erschienen unter anderem in der
von Hermann Bahr herausgegebenen Wiener Wochen
schrift ,,Die Zeit".Wir lesen sie heute noch mit Genuss.
Es war in Galizien keine Seltenheit, dass Autoren schein
bar mühelos von einer Sprache zur anderen wechselten,
im alltäglichen Leben war das ohnehin beinahe selbstver
ständlich.
Ich erinnere mich an eine langjährige Kaffeehaus
bekanntschaft in Wien, aus dem Café Sperl in der Gum
pendorfer Straße. Herr Krumholz stammte aus dem
kleinen Ort Ucieryki nad Czeremoszem, er war aus ei
nem Transport nach Treblinka entkommen und auf ver
schlungenen Wegen in Wien gelandet. Im ,,Illustrierten
Führer durch Galizien" aus dem Jahr 1914, erschienen
im Verlag Hartleben, Wien/Leipzig, findet man beim
Dorf Ucieryki, am Zusammenfluss des Bialy und Czar
ny Czeremosz gelegen, den knappen Hinweis: ,,gutes
Nachtlager (Wirtshaus Krummholz)". Das hat noch der
Vater meines Bekannten geführt. Er hat mir oft davon
erzählt. Herr Krumholz (er schrieb sich, polnisch, nur
mehr mit einem m) sprach neben Deutsch, Polnisch,
Ukrainisch, Jiddisch und Hebräisch noch drei ,,Fremd
sprachen", Englisch, Italienisch und Französisch, wie er
gern stolz betonte. Deutsch, Polnisch, Ukrainisch, Jid
disch und Hebräisch bezeichnete er nicht als Fremdspra
chen, das waren für ihn die galizischen Landessprachen,
die jeder gebildete Jude beherrschte.
Aber vor lauter Begeisterung über diese einzigar
tigen Verhältnisse, die so viele große Talente hervorge
bracht haben, dürfen wir nicht vergessen, welches Ende
dieses Experiment fand. Es ist eine grausame Ironie des
Schicksals, dass Galizien als politischer Begriff ausgerech
net von den Nationalsozialisten wieder ins Leben gerufen
wurde. Nach dem Angriff auf die Sowjetunion fassten sie
im Distrikt Galizien die seit dem September 1939 von
der Sowjetunion besetzten Gebiete des einstigen Kron
landes Galizien zusammen, die sie dem Generalgouver
nement eingliederten.
Die beiden Weltkriege, erbitterte und oft blutige
Auseinandersetzungen zwischen Polen und Ukrainern,
bei denen nicht selten die Juden zwischen die Fronten
gerieten, der organisierte Völkermord der Nationalso
zialisten, der Holocaust, die stalinistischen Verbrechen,
Fluchten, Deportationen und Vertreibungen haben
Galizien heimgesucht wie kaum eine andere Region in
Europa. Und trotzdem strahlt das düstere, von Todesme
taphorik umfangene Galizien einen Glanz aus, der heute
wieder heller leuchtet als je zuvor.
Wenn wir heute an Galizien denken, dann scheinen
die erschreckenden Bilder in den Hintergrund zu treten,
falls wir sie überhaupt je wahrgenommen haben wir
verspüren vielmehr eine eigentümliche Anziehungskraft,

eine Faszination, die von diesem Landstrich nach wie vor
ausgeht. Galizien hat vor allem als multiethnische Lite
raturlandschaft überdauert und gleichzeitig als Mythos,
der, je weiter wir uns von der realpolitischen Existenz des
Landes in den Jahren 1772 bis 1918 entfernen, immer
schönere, glücklichere, rosigere Züge annimmt. Galizien
als ,,ein nicht zu Ende geträumter Traum", wie der polni
sche Literaturwissenschaftler Stefan Kaszyski es einmal
genannt hat, als eine geheimnisvolle Welt, die versunken
ist wie die sagenhafte Insel Thule der Germanen im ho
hen Norden. Die Konflikte und Tragödien werden bei
solchen Betrachtungen gerne ausgeblendet, was bleibt,
ist ein arkadischer Mythos, der manchmal auf kitschige
Paraphernalia wie die in Cafés und Restaurants hängen
den Bilder von Kaiser Franz Joseph und der schönen,
tragisch umwolkten Sisi reduziert wird. Galizien, aus
staffiert mit süßlichen Malereien und falsch klingenden
Legenden. Es ist eine Herausforderung für die Literatur,
für die verschiedenen Literaturen, die polnische ebenso
wie die österreichische, die ukrainische, die jüdische und
andere, sich auch den dunklen Seiten dieser Region zu
zuwenden und neben ihren schönen auch ihre düsteren,
schmerzlichen Geschichten zu erzählen.
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1 Ludwig von Ficker (1959), Der Abschied, in: Erinnerung an Georg
Trakl. Zeugnisse und Briefe. Salzburg: Otto Müller Verlag, Seite 200.
2 Joseph Roth (1932), Radetzkymarsch. Berlin: Verlag Kiepenheuer,
Seite 557.
3 Ebenda, Seite 224.
4 Ebenda, Seite 559.
5 Karl Kraus (1986), Die letzten Tage der Menschheit. Frankfurt a. M.:
Suhrkamp Verlag.
6 Radetzkymarsch, Seite 111.
7 Richard Wall (2001), Klemens Brosch oder Einübung ins Unmögli
che. Ein Triptychon. Klagenfurt: Ritter Verlag, Seite 56.
8 Józef Wittlin (1969), Das Salz der Erde. Aus dem Polnischen übertra
gen von I. Berman, Frankfurt a. M.: S. Fischer, Seite 29.
9 Die Lemken sind ein russinischer Volksstamm in den beiden Teilen
der Karpaten, heute Südpolen und Nordostslowakei. Lemken, aus dem
Dorf Miková bei Medzilaborce (nun Slowakei), waren auch die Eltern
des US-Künstlers Andy Warhol (Anm. E. St.).

Lesetipp:
Martin Pollack
Topografie der Erinnerung.
Residenz Verlag, Wien 2016
Dieser Text wurde mit freundlicher
Genehmigung des Autors diesem Buch
entnommen und mit teils noch nicht
veröffentlichten Bildern aus dessen
Archiv illustriert.

Vol.65: BEDROHUNGEN, FEINDBILDER, SÜNDENBÖCKE

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