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Jüdisches Echo 2017

Seite 13 Jüdisches Echo 2017Antisemitismus im Netz: Video über die ,,Macht der Rothschilds"

sehr häufig sind am Ende Juden die vermeintlich Verant
wortlichen, sie sind die Sündenböcke etlicher Verschwö
rungstheorien.
Diese Echokammern voller Falschinformationen
sind sogar messbar. Italienische Forscher vom Labor
für Computational Social Science in Lucca in der Tos
kana analysierten das Nutzungsverhalten auf Facebook:
Konkret werteten sie sämtliche Beiträge aus den vergan
genen fünf Jahren von zweiunddreißig Fanpages zu Ver
schwörungstheorien aus sowie von fünfunddreißig Wis
senschaftsseiten. Es zeigte sich, dass die Anhänger von
Verschwörungstheorien großteils unter sich bleiben, das
selbe ist bei an Wissenschaftsneuigkeiten Interessierten
der Fall. Es ist jedoch riskant, wenn sich Menschen sehr
einseitig ­ und noch dazu einseitig mit Verschwörungs
theorien ­ beschäftigen. Diese Falschmeldungen sickern
nämlich ein: Viele Menschen bekommen dann immer
wieder antisemitische Lügen eingeblendet ­ weil sie du
biosen Gruppen und Fanpages folgen ­ und denken sich
dann: ,,Ich habe jetzt schon so oft von diesen Zionisten
und ihren dubiosen Machenschaften gelesen, das kann
doch nicht alles gefälscht sein, da muss doch zumindest
ein bisschen was dran sein." Und so beginnt die Akzep
tanz von komplett unbelegter, hasserfüllter Propaganda.
Die Frage ist nun, was können wir gegen diesen Ju
denhass im Netz tun? Es gibt drei Ebenen, auf denen wir
ansetzen können: die gesellschaftliche, die unternehme
rische und die private.
Als Gesellschaft haben wir die Möglichkeit, an Tabus
festzuhalten ­ auch im Internet. Gerade das Strafrecht
stellt eine klare rote Linie dar, auf die wir uns als Gesell
schaft geeinigt haben. Im deutschsprachigen Raum gibt
es als Reaktion auf die Shoah Gesetze gegen Hassrede ge
genüber Minderheiten. Zunehmend wird der Tatbestand
der Verhetzung, also der Aufruf zu Gewalt und das Schü
ren von Hass, auch angezeigt. Auf Facebook schrieb ein
Nutzer: ,,Ich begrüße euch Juden mit zwei Worten: Heil
Hitler und auf Wiedersehen." Das Landesgericht Leoben
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verurteilte ihn zu vier Monaten bedingter Haftstrafe.
Ein anderer meinte: ,,da brauchen wir die Endlösung",
und erntete vom Landesgericht Salzburg drei Monate
bedingt. Die Schuldsprüche wegen hetzerischer Postings
sind im vergangenen Jahr massiv gestiegen: Österreich
weit gab es vierundvierzig Verurteilungen wegen Verhet
zung. Zum Vergleich: 2013 waren es nur acht gewesen,
2014 dreißig Verurteilungen.
Solche juristischen Konsequenzen zeigen, dass in
unserer Gesellschaft Gewaltaufrufe oder die Verharmlo
sung und Gutheißung nationalsozialistischer Verbrechen
nicht toleriert werden. Im Netz versuchen radikale Min
derheiten oft so zu tun, als seien sie die Mehrheit. Sie
nutzen das Internet wie einen Zerrspiegel und suggerie
ren, dass bereits der Großteil der Bevölkerung so verroht
sei wie sie. Das stimmt aber nicht, wie eine Untersuchung
des US-Meinungsforschungsinstituts Pew Research Cen
ter zeigte. Dieses befragte im Frühjahr 2015 Menschen
in den USA und Europa, ob der Staat Hassrede gegen
Minderheiten verbieten soll.
In den USA waren nur achtundzwanzig Prozent der
Bürger für Gesetze gegen Hassrede. In Europa sprach sich
im Schnitt jeder Zweite dafür aus. Österreich wurde in der
Umfrage nicht erfasst, sehr wohl aber Deutschland: Dort
gaben sieben von zehn Bürgern an, dass sie Gesetze gegen
Hassrede gut finden. Rechtsextreme tun gern so, als seien
sie die ,,schweigende Mehrheit". Aber das stimmt nicht:
Sie sind weder schweigend noch eine Mehrheit. Und das
sollten wir uns als Gesellschaft auch klarmachen.
Zweitens können auch Unternehmen ­ speziell die
großen Plattformen ­ entschiedener gegen Hetze auftre
ten. Als etwa Neonazis in den USA begannen, jüdische
Journalisten mittels drei Klammern an den Pranger zu
stellen, war Twitter anfangs nicht einmal zu einer Stel
lungnahme bereit. Das Onlinemedium ,,Mic.com", des
sen Autoren selbst davon betroffen waren, deckte diese
Vorgangsweise von Rechtsextremen auf. Twitter wollte
nichts zu dieser neuen Methode sagen, verwies ledig
lich auf ein älteres, generelles Statement gegen Hassrede.
Twitter hat im Umgang mit Mobbing und Hetze bisher
nur langsam dazugelernt: Immer wieder war der Druck
von Aktivisten notwendig, damit Sicherheitsfeatures ein
geführt und ausgebaut wurden. Auch Transparenz fehlt,
was diese börsennotierten Unternehmen denn gegen
strafrechtlich relevante Wortmeldungen tun. Facebook
zum Beispiel gibt nicht bekannt, wie viele Kommen
tare von Nutzern wegen Antisemitismus gemeldet und
wie viel Prozent davon gelöscht werden. Ebenso wenig
wissen wir, wie viele deutschsprachige Moderatoren der
Konzern einsetzt (die Gesamtzahl der Moderatoren gibt
Facebook auch nicht bekannt). Im Alltag erleben aber
einige Nutzer, dass einzelne gemeldete antisemitische
Postings nicht entfernt werden. Und das, obwohl Face
book in den eigenen Community-Standards behauptet,
sämtliche Inhalte zu entfernen, die Menschen aufgrund
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