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Jüdisches Echo 2017

Seite 124 Jüdisches Echo 2017lers war Pilot eines britischen Bombers. Das ,Nagelkreuz`
auf dem Altar im Inneren der Frauenkirche spendete
Coventry, jene Stadt in England, die von den deutschen
Bombern im November 1940 bombardiert wurde. Da
bei fanden über 1200 Zivilisten den Tod. Eine künstle
risch gestaltete Vase für die Frauenkirche spendeten pol
nische Widerstandskämpfer, die im Zweiten Weltkrieg
hier gegen die Nazis gekämpft haben und viele Opfer zu
beklagen hatten.
Bei der Wiedereröffnung der Frauenkirche waren
hohe Repräsentanten des englischen Königshauses eben
so anwesend wie die polnischen Widerstandskämpfer
und viele andere. Bei der Führung durch die Kirche wur
de immer wieder die Friedens- und Versöhnungssymbo
lik hervorgestrichen. Es wurde nichts unter den Teppich
gekehrt, weder der verbrecherische Charakter des natio
nalsozialistischen Regimes noch die Racheaktionen am
Ende des Zweiten Weltkrieges. Es geht nicht um Auf
rechnung, sondern um das Annehmen der Geschichte in
all ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit mit der
Zielsetzung, Frieden und Versöhnung zu fördern.
Das, glaube ich, ist das Wesen einer Erinnerungspo
litik, die tatsächlich die Menschen zusammenführt und
versöhnt, vor allem aber die Lehre aus der Geschichte
zieht, dass nämlich Opfer auch Täter werden können
und umgekehrt.
Wir gedenken heute hier in Lese des Schicksals der
Verschleppten, die auch Opfer von unkontrollierter Ra
che geworden sind. Ich habe in den letzten Jahren viel
gelernt. Aus einer Opferfamilie kommend, habe ich das
Schicksal der hier Begrabenen und Ermordeten allzu
leichtfertig ignoriert. Erst im Zuge des Konsens- und Di
alogprozesses habe ich gelernt, mich auch in die andere
Seite hineinzudenken und damit ein viel komplexeres
Geschichtsbild zu entwickeln. Ich bin heute überzeugt
davon, dass nur so eine wirkliche Versöhnung möglich
ist und dass gerade darin das Wesen einer aufrichtigen
Erinnerungsarbeit begründet liegt.
In diesem Sinne verneige ich mich vor den Opfern
der Rachepolitik und ziehe daraus den Schluss, dass wir
mit solchen Veranstaltungen auch ein wenig dazu beitra
gen, den Geist der Toleranz, des gegenseitigen Respekts
zu verstärken und somit resistenter zu werden gegenüber
Intoleranz und antidemokratischer Agitation" (Sturm,
Mai 2016).
Damit keine Zweifel aufkommen: Die militäri
sche Niederlage des nationalsozialistischen Regimes war
die Voraussetzung für den Frieden. Dazu haben auch
die Alliierten, ebenso aber die Partisanen und Wider
standskämpfer beigetragen. Das ist jedoch nur ein Teil
der Wahrheit. Der andere Teil besteht darin, dass nach
1945 die politischen Eliten zweier Erzfeinde, nämlich
Frankreich und Deutschland, einen völlig neuen Weg
der Versöhnung gegangen sind. Dieser Weg von Robert
Schuman, Jean Monnet, Konrad Adenauer, Charles de

Gaulle u.a. war die Voraussetzung für den europäischen
Integrationsprozess, aus dem die Europäische Union her
vorgegangen ist.
Das heißt, ohne Versöhnung gibt es keine friedliche
Entwicklung, und Versöhnung basiert auf Dialog. Nur
wer zum Dialog bereit ist, wer bereit ist, sich mit dem
anderen ehrlich auseinanderzusetzen, hat die Chance,
Veränderungen herbeizuführen. Und wer Veränderung
will, muss sich auch selbst verändern.
Wir leben in einer Zeit der Konfrontation und Pola
risierung. Von Amerika, dem Nahen Osten, Afrika, Eu
ropa bis Österreich. Flüchtlingswellen sind der sichtbare
Ausdruck dieser großen weltweiten Krise. Es scheint, dass
dabei die Kräfte des Dialogs auf verlorenem Posten stehen
und die Kräfte der Konfrontation im Vormarsch sind.
Aber unsere Geschichte ist auch voll von Menschen,
die der Zeit vorangegangen sind. Schuman, Monnet und
Adenauer habe ich schon erwähnt. Nelson Mandela, Fre
derik Willem de Klerk und Bischof Desmond Tutu alle
aus Südafrika haben bewiesen, dass man Systemum
brüche auch unblutig vollziehen und nachträglich als
Lernprozess interpretieren kann.
Entscheidend für mich aber ist, dass das Frie
densprojekt Europa zu Hause beginnt. Europa ist nicht
weit weg, sondern hier. Europa bin ich, Europa bist du.
Europa ist, wenn wir alle verantwortungsvoll und dia
logbereit aufeinander zugehen, miteinander diskutieren,
ja auch streiten aber nicht mehr auf antagonistische
Weise, d. auf Basis von Feindbildern, sondern in ei
h.
nem ,,agonistischen" Sinn (Chantal Mouffe), das heißt
auf Basis konstruktiver Gegnerschaft.
Mit dem Kärntner Konsens- und Dialogprozess
haben wir gelernt, dass man mit einer solchen Haltung
Frieden, Toleranz und Antirassismus vor der eigenen Tür
praktizieren und leben kann und damit trotzdem und
besser die eigenen Rechte und Werte der Minderheiten
verteidigen kann.
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Literatur:
Feldner, Josef/Sturm, Marjan (2007), Kärnten neu denken. Zwei Kontra
henten im Dialog. Klagenfurt: Drava/Heyn.
Heer, Friedrich (1949), Gespräch der Feinde. Wien, Zürich: Europa Verlag.
Hobsbawm, Eric J. (1995), Das Zeitalter der Extreme: Weltgeschichte des
20. Jahrhunderts. München: Hanser Verlag.
Lowe, Keith (2015), Der Wilde Kontinent, Europa in den Jahren der
Anarchie 1943­1950. Stuttgart: Klett-Cotta.
Mouffe, Chantal (2007), Über das Politische. Wider die kosmopolitische
Illusion. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Petritsch, Wolfgang/Graf, Wilfried/Kramer, Gudrun (Hg.) (2012), Kärn
ten liegt am Meer, Konfliktgeschichte/n über Trauma, Macht und Identi
tät. Klagenfurt: Drava/Heyn.
Pollack, Martin (2014), Kontaminierte Landschaften. St. Pölten, Salzburg,
Wien: Residenz Verlag.

Vol.65: BEDROHUNGEN, FEINDBILDER, SÜNDENBÖCKE

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