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Jüdisches Echo 2017

Seite 11 Jüdisches Echo 2017Klammern zur ,,Markierung" von Juden. Journalisten wie
,,Bild"-Chef Dieckmann machten es zur Solidaritätsaktion

den Tod gehen lassen, indem sie sich mit anderen FREI
WILLIG zur Bildung eines Lagerchors gemeldet hat!! Die
schöne Welt der scheinheiligen Doppelmoral ..."
Dieser Kommentar ist perfide und vielsagend. Hier
wird eine rhetorische Taktik angewendet, die rechtsext
reme Internetnutzer gerne ergreifen: Sie verwischen die
Grenze zwischen Tätern und Opfern. In diesem Posting
wird ein Opfer der Shoah, das durch großes Glück das
Konzentrationslager überlebt hat, gleichgesetzt mit Tä
tern des NS-Tötungsapparats, von denen viele leider bis
ins hohe Alter einer juristischen Verfolgung entkommen
konnten. Eine Täter-Opfer-Umkehr in Reinform.
Die Staatsanwaltschaft Fulda hat nun Anklage ge
gen diesen Internetnutzer wegen übler Nachrede und
Verleumdung einer Person des öffentlichen Lebens ein
gebracht (Paragraf 188 des deutschen Strafgesetzbuches).
Esther Bejarano hat diesen Facebook-Nutzer nämlich
von einer Rechtsanwaltskanzlei anzeigen lassen. In einem
Interview mit dem NDR erklärte sie, dass dieser Nutzer
nicht nur sie persönlich, sondern ,,all diejenigen, die in
Auschwitz gewesen sind", verunglimpfe.
Ich halte es für sinnvoll, dass juristische Schritte er
griffen werden, wenn in solcher Häme über Opfer des
NS-Systems im Internet gepostet wird ­ wenn Tabus
fallen, die nicht fallen sollten. Bejarano sagte nach ihrer
Anzeige auch: ,,Dass jemand bei Facebook unbehelligt so
etwas schreiben kann, ist eine Schande. Dürfen denn die
Nazis heute machen, was sie wollen?"
Diese Frage ist äußerst berechtigt. Natürlich ist das
Internet nicht der Grund für Antisemitismus. Die Di
gitalisierung ist nicht die Ursache dafür, dass Menschen
Hass und Vorurteile in sich tragen. Es wäre viel zu simpel,
die politischen Probleme unserer Zeit rein auf das Inter
net zu schieben. Sehr wohl aber spielt das Netz oft eine
Rolle ­ es ist erschütternd oft ein Instrument für jene, die
Antisemitismus zur Normalität machen wollen. Die den
Eindruck herstellen wollen, als sei es ganz normal, etwas
Herabwürdigendes über Juden zu schreiben oder von ei
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ner zionistischen Weltverschwörung zu sprechen. Leider
sind solche Thesen im Internet weit verbreitet.
Das Internet sollte eigentlich ein Ort der Aufklärung
sein, an dem wir Menschen ohne Vorurteile miteinander
diskutieren können. Oftmals ist es jedoch eine Spielwiese
für Rechtsextreme und rechte Verschwörungstheoretiker.
Die sozialen Medien werden geschickt zum Lancieren
falscher Meldungen und dem Verbreiten antisemitischer
Vorurteile genutzt.
Zum Beispiel hat die Facebook-Gruppe ,,Informa
tionen, die uns Massenmedien vorenthalten!!!" 24.000
Mitglieder. Sie ist ein Sammelsurium verschiedenster
Verschwörungstheorien und absurder Falschmeldungen
­ allen möglichen Staatschefs wird unterstellt, die Ma
rionetten dunkler Mächte zu sein, Russland wird ver
herrlicht, die USA werden verteufelt. Ein sechsminütiges
Video spricht etwa von der ,,Macht der Rothschilds". Ein
geposteter Link führt zu einem Artikel, wonach der jüdi
sche Investor George Soros an der Umvolkung Europas
arbeite (und deswegen Flüchtlingen helfe). Ein in der
Gruppe geteiltes Bild suggeriert, dass es den Holocaust
nicht gegeben hätte, und man spricht dort vom ,,Holo
claus". Der ,,Holoclaus" ist eine Santa-Claus-Figur, de
ren Umrisse aussehen wie ein Hakenkreuz. Darunter der
Satz: ,,6 Millionen Lüge seid (sic) 1915". Immerhin sieb
zehn Likes erhält der Eintrag.
Wir haben offensichtlich online ein Problem mit
Antisemitismus. Zu diesem Ergebnis kam auch eine
Untersuchung der EU-Agentur für Grundrechte. Ende
2012 befragte sie 5900 Juden in Europa. Fünfundsiebzig
Prozent der Befragten gaben an, dass Antisemitismus im
Internet in ihrem Land ein Problem sei. Und fast drei
von vier waren der Meinung, dass es in den letzten Jahren
schlimmer geworden sei.
In Zeiten hochkochenden Rechtspopulismus ist
auch Antisemitismus umso stärker sichtbar. In den USA
zum Beispiel bejubelten Neonazis den republikanischen
Präsidentschaftskandidaten Donald Trump. Auf Twitter
schwärmten sie davon, dass es unter Trump Konzentra
tionslager geben werde (wohlgemerkt: auch wenn Trump
sehr viel Menschenverachtendes von sich gegeben hat, das
hat er nie gesagt). Im amerikanischen Wahlkampf ist die
Stimmung dermaßen ins Radikale entglitten, dass Rechts
extreme im Frühjahr 2016 begonnen haben, vermeintlich
jüdische Journalisten auf Twitter zu markieren. Sie setzen
drei Klammern rund um den Namen von Personen, die
angeblich Juden sind. Wer einen jüdisch klingenden Na
men wie Fleishman oder Rosenberg hat und Journalist ist,
muss damit rechnen, als (((Fleishman))) oder (((Rosen
berg))) in Tweets bezeichnet zu werden. Das soll anderen
Antisemiten im Netz zeigen: Schaut her, ein Jude. Hier
wird Menschen ein virtueller Judenstern angeheftet.
Ziel ist, jüdische Journalisten gezielt einzuschüchtern
und einen digitalen Mob auf sie zu hetzen. Autoren, de
ren Namen von Rechtsextremen in drei Klammern gesetzt
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