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Jüdisches Echo 2017

Seite 109 Jüdisches Echo 2017schenen. Sie sind für viele das Idealbild des starken
Kämpfers. Den Mädchen wird versprochen, dass sie
z.B. in Syrien zunächst in ein Frauenhaus kommen,
wo sie bleiben können, bis sie heiraten und ein ech
tes islamisches Leben in einem echten islamischen
Staat in einer echten islamischen Familie führen
können. Im Gespräch mit einer jungen Frau habe
ich einmal nachgefragt: ,,Was hast du dir dort erwar
tet?" Und sie: ,,Na ja, Hausfrau sein." Wenn man
sich einschlägige Facebook-Seiten anschaut, kehren
bestimmte Motive immer wieder: starke junge Krie
ger, martialisch auftretende Männer und Bilder, die
die Liebe zum wahren Muslim, zum wahren Mud
schahed, die Vereinigung im Paradies und derglei
chen zelebrieren.
Was ist da in unserer Gesellschaft geschehen, dass
junge Mädchen an einem so traditionellen Frauenbild
Gefallen finden?
Ich glaube, dass der Begriff ,,traditionell" hier schwie
rig ist. Die Tradition verlassen alle diese Gruppen,
so widersprüchlich das auch klingt. Gerade traditi
onelle Eltern haben das Problem, dass ihre Kinder
plötzlich als Islam-Experten auftreten und ihnen
absprechen, das rechte Islam-Verständnis zu haben.
Wir haben durchaus mit jungen Frauen zu tun, die
ihren Eltern sagen: Ihr seid keine Muslime mehr, ihr
seid vom Islam abgefallen. Wir haben über längere
Zeit eine Mutter betreut, die völlig verzweifelt wegen
ihrer Tochter ist. Die Tochter ist in dem Sinne eman
zipiert, dass sie sich von ihren Eltern nichts sagen

Zur Person
Der Pädagoge und Extremismusforscher Moussa
Al-Hassan Diaw lebt seit seinem dritten Lebensjahr
in Österreich. Er ist Professor an der Pädagogischen
Hochschule Linz und forscht und publiziert zu den
Themen politische Ideologisierung von Religion, Migration und Identität, Rassismus und Antisemitismus.
Um Jugendliche vom Abdriften in den Extremismus
abzuhalten, hat er die ,,Initiative sozialer Zusammenhalt, Prävention und Dialog", DERAD, mitbegründet. Sie ist Teil des EUISA-Netzwerkes (European
Union of Independent Students and Academics)
und des Radicalisation Awareness Network der EUKommission und arbeitet im Auftrag des Bundesjustizministeriums in Justizanstalten im Rahmen der
Extremismusprävention. EMJD, European Muslim
Jewish Dialog, ist eine Initiative der JÖH (Jüdische
Österreichische HochschülerInnen) und EUISA in
Österreich und ist mit Partnern in verschiedenen
Ländern Europas vernetzt.

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lässt. Sie geht aus, wann sie will, mit Gesichtsschlei
er und Handschuhen, und ihr bester Freund ist das
Smartphone. Wenn es Probleme gibt, tippt sie etwas
ins Smartphone und kriegt von einem Guru irgend
welche Ratschläge. Wäre dieses Mädchen ,,traditio
nell", würde es sich nicht gegen die Eltern auflehnen,
religiös und kulturell gesprochen.
Abgesehen von Ihren Gesprächen in Haftanstalten
halten Sie auch Workshops in Schulen ab. LehrerInnen oder Eltern wenden sich an Sie, wenn Sie an den
Jugendlichen ein Verhalten feststellen, das sie nicht
deuten können. Welche frühen Anzeichen für Radikalisierung gibt es, auf die man achten sollte?
Ein wichtiges Erkennungszeichen ist die Weltan
schauung der Jugendlichen, also was sie an Äuße
rungen, Bildern, Videos und Botschaften via Handy
verschicken. Einmal sind z.B. Eltern zu mir gekom
men, die erzählt haben, dass ihr Sohn auf einmal die
Demokratie als haram, als verboten, bezeichnet hat,
und die wissen wollten, was das zu bedeuten hat. Da
sehen wir dann, dass der an etwas angedockt hat.
In den Workshops merken wir an den Reaktionen
der SchülerInnen, wie sie denken und ticken. Wem
extremistische Ideen gefallen, meldet sich meist zu
Wort, um unseren Inhalten zu widersprechen. Wir
versuchen dann herauszufinden, wie weit ihre Radi
kalisierung gediehen ist. Meist genügt Aufklärung,
aber wenn jemand sagt, dass er ins Ausland gehen
und kämpfen möchte, müssen wir natürlich sofort
einschreiten.
Der IS hat vor kurzem seine AnhängerInnen dazu
aufgerufen, zu Hause zu bleiben und hier zu kämpfen.
Ziel ist es offenbar, die westliche Gesellschaft durch
Terroranschläge zu destabilisieren und zu erreichen,
dass die Muslime aus Europa vertrieben werden.
Wohin? Ins ,,Dritte Kalifat", das der IS errichten will?
Genau. In der Utopie des sogenannten Islamischen
Staates sollen die Muslime weg aus Europa und das
Leben hier nicht genießen. Es passt dem IS nicht,
dass ihnen das Leben in Europa gefällt. Sie sollen
Hunger nach einem ,,gerechten, echten, wahren" is
lamischen System, einem islamischen Staat bekom
men. Je gemütlicher ­ aus ihrer Sicht ­ es musli
mische Menschen in Europa haben, desto weniger
Hunger haben sie nach dieser ,,richtigen politischen
Gesellschaft".
Als Reaktion auf die islamistischen Terroranschläge
in Europa steigt die Anti-Islam-Stimmung hier. Der
Islam gerät unter Generalverdacht; Frauen, die das
Kopftuch tragen, werden scheel angeschaut oder auch
tätlich angegriffen. Das ist offenbar genau das, was der
IS erreichen will!
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