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Jüdisches Echo 2017

Seite 105 Jüdisches Echo 2017Österreich war. Die Friedhöfe sind zum Teil richtig
gehend umgeackert worden. Die meisten Synagogen,
ja ganze Stadtviertel wurden dem Erdboden gleichge
macht. Diesbezüglich waren die pannonischen Nazis
ganz besonders streberhaft. ,,Am 1. Mai 1938", schrieb
Altkanzler Fred Sinowatz, ein gelernter Historiker, in
seinen leider nur als Typoskript einsehbaren Memoiren,
,,waren noch 3222 Juden im Burgenland gemeldet." Am
30. April 1939 waren es gerade noch zwölf.
Lange Zeit schien es, als hätte dieses eine Jahr ge
reicht, mit den Menschen auch die Erinnerung an sie
zu vertreiben. Das zumindest ist aber nicht gelungen.
Man ist versucht zu sagen: im Gegenteil. Es hat nur ei
ner anderen Generation dafür bedurft. Wenn scharfe,
präzise Erinnerung das Gegenteil von Verdrängung ist,
so braucht es dazu wohl eine gewisse Distanz. Seit nun
mehr anderthalb Jahrzehnten widmet man sich auch im
Burgenland mit durchaus bemerkenswerter Hingabe
seiner jüdischen Geschichte. Wobei das Bemerkenswer
teste daran ist, dass die meisten dieser Initiativen gewis
sermaßen wild gewachsen sind, nicht gepflanzt wurden.
Das macht sie dann auch so widerstandsfähig gegenüber
allfälliger obrigkeitlicher Ignoranz.
In Rechnitz, in Deutschkreutz, in Oberwart, in
Kittsee, in Frauenkirchen und zuletzt auch in Matters
burg waren es lokale Initiativen, die begonnen haben,
die jüdische auch als ihre eigene Geschichte zu begreifen.
Unverantwortlich gegenüber den Kindern sei es, diesen
am Ende so dunklen Teil der Heimatkunde ausblenden
zu wollen. Oft waren Lehrer die treibende Kraft, bur
genländische Verlage publizierten penible Ortsmono
grafien übers lokale jüdische Leben, regionale Medien
verstärkten das Bemühen zum öffentlichen Anliegen.

«Seit nunmehr anderthalb Jahrzehnten widmet
man sich auch im Burgenland mit durchaus bemerkenswerter Hingabe seiner jüdischen Geschichte.
Wobei das Bemerkenswerteste daran ist, dass
die meisten dieser Initiativen gewissermaßen
wild gewachsen sind, nicht gepflanzt wurden. Das
macht sie dann auch widerstandsfähiger.»
Herbert Brettl, der unermüdliche Regionalhistoriker des
Seewinkels und Professor am Gymnasium in Neusiedl,
erzählt gerne, dass die große Geschichte anhand der
kleinen, eigenen Geschichten auch für bockige Puber
tierende plötzlich spannend werden kann. Der Boden,
auf dem die Jungen stehen, fängt so plötzlich an, mit
ihnen zu sprechen.
Auf Brettls Recherchen fußt die Frauenkirchner In
itiative, die auf dem Platz der einstigen Synagoge, im
Ortszentrum, einen ,,Garten der Erinnerung" errichtet
hat. Die Frauenkirchner inspirierten eine ähnliche In
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itiative in Mattersburg, wo Gertraud Tometich ­ Leh
rerin auch sie ­ das streng religiöse Leben unter den
gelehrten Fittichen der alten Rabbinerfamilie Ehrenfeld
erforscht und beschrieben hat. Der darauf aufbauende
Verein ,,Wir erinnern" hat sich zum Ziel gesetzt, den so
wichtigen jüdischen Teil der Mattersburger Geschichte
wieder sichtbar zu machen. Bodenuntersuchungen auf
dem unbebaut gebliebenen Platz der Synagoge haben,
im Gegensatz zu Frauenkirchen, wo man sogar auf Reste
eines barocken Tempelbaus gestoßen ist, nichts ergeben.
Unter der Federführung von Michael Feyer entsteht
hier, mitten im Stadtzentrum, eine Gedenkanlage.
Feyer, mit dem legendären Lokal Ma Pitom Mitbe
gründer des Wiener Bermudadreiecks, hat zuvor schon
in Deutschkreutz, das die Juden Zelem genannt haben,
ein Denkmal vors Haus des berühmten Komponisten
Carl Goldmark platziert. Auf dem ist der Ortsplan von
Zelem zu sehen, das Joseph Roth 1919 so beschrieben
hat: ,,Mitten in Deutsch-Kreuz eine Filiale der Leopold
stadt. Siebzig jüdische Familien wohnen seit tausend
Jahren im Deutsch-Kreuzer Getto. Denn sie wohnen
alle zusammen, in einer großen Häusergruppe hinter
den weiten Gehöften der reichen Bauern, und führen
ein eigenes Leben."
All diese lokalen und untereinander vernetzten In
itiativen sind sozusagen auf privatem Mist gewachsen.
Aus bösartiger Sicht ließe sich sagen, die Politik hatte da
gar keine andere Chance, als mitzumachen. Alle Enga
gierten berichten diesbezüglich von einer wohlwollenden
Wurschtigkeit, aus der heraus dann doch immer wieder
ein paar Netsch zu pressen waren, wenn es Aussicht auf
entsprechende Eröffnungsfeiern, Fotos in den Zeitungen
und Fernsehbilder gab. Aus weniger bösartiger Sicht lässt
sich sagen, dass die Politik dem Begehr, sich endlich öf
fentlich zu erinnern, nichts in den Weg legt.
Und manchmal merkt sie, dass die jeweiligen Agen
den sich auch verschränken lassen. Die Sanierung der
jüdischen Friedhöfe im Land ­ sechzehn sind es ­ wurde
2010 etwa mit einem AMS-Projekt für Langzeitarbeits
lose in Angriff genommen. Nicht alle Friedhöfe wurden
so verwüstet wie der Mattersburger, dessen Grabsteine
zur Böschungsbefestigung missbraucht wurden. Und
manche sind fast so was wie Touristenattraktionen. Auf
dem älteren der zwei Eisenstädter Friedhöfe liegt seit
1744 Meir ben Isak Eisenstadt, der bis heute seiner Ge
lehrsamkeit wegen gerühmte Rabbi. Menschen aus aller
Welt besuchen Jahr für Jahr das Grab.
Und klarerweise das nahe Österreichische Jüdische
Museum, das schon 1972 auf Initiative des damaligen
Unterrichtsministers Fred Sinowatz und des JudaistikDoyens der Wiener Universität, Kurt Schubert, als erstes
Nach-Shoah-Museum Österreichs hier ins Leben geru
fen wurde. Sein heutiger Direktor, Johannes Reiss, spürt
bei seiner Führung durchs alte Ghetto und den Friedhof
sehr genau auch das touristische Potenzial. ,,Die Kinder
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