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Jüdisches Echo 2017

Seite 102 Jüdisches Echo 2017Wider die inhaltslose Ergriffenheit

Ch ris t i an M i chel i des / CC BY- SA 4. 0 / W I K IM E DIA

Den ,,Anschluss" beleuchtende Auszüge aus der am
8. Mai 2016 im Wiener Bundeskanzleramt gehaltenen
Rede von Rudolf Gelbard zum Gedenken an die
Befreiung vom Nationalsozialismus.
Der verstorbene Direktor des Instituts für Zeitgeschichte
in München, Martin Broszat, sagte in einer Rede: ,,Ohne
die Kenntnisnahme der entsetzlichen Einzelheiten bliebe
auch der Gedanke an die Millionen unschuldiger Opfer
inhaltslose Ergriffenheit." (...)
Wie haben Zeitzeugen den 12. März 1938 in Wien
erlebt? Aus Carl Zuckmayers Erinnerungen ,,Als wär's
ein Stück von mir": ,,An diesem Abend brach die Hölle
los. Und alle Menschen verloren ihr Gesicht, glichen
verzerrten Fratzen. Die einen in Angst, die anderen in
Lüge, die anderen in wildem, hasserfülltem Triumph.
Was hier entfesselt wurde, war der Aufstand des Neids,
der Missgunst, der Verbitterung, der blinden, böswilligen
Rachsucht. Und alle anderen Stimmen waren zum
Schweigen verurteilt. Die Rollkommandos zogen nun
bereits in der Stadt umher und suchten die Wohnungen
unliebsamer oder von bösartigen Nachbarn denunzierter
Personen heim. Leute wurden entführt, manche fand
man dann grauenvoll misshandelt und verstümmelt in
Krankenhäusern wieder, andere nie."
Ein weiterer Zeitzeuge ist Korrespondent einer Lon
doner Zeitung in Wien, Gedye (George Eric Rowe Gedye,
1890­1970, arbeitete u.a. für ,,The Times" und den ,,Daily
Telegraph" ­ Anm.). In seinem Buch ,,Die Bastionen fielen.
Wie der Faschismus Wien und Prag überrannte" schreibt
er: ,,,Rette sich wer kann` war die allgemeine Losung nach
der Abschlussrede von Bundeskanzler Schuschnigg, aber
Rettung war praktisch aussichtslos. Alle Straßen, die zur
Grenze führten, waren von den Taxis und Privatautos der
Flüchtlinge verstopft. Auf dem Flugplatz ebenso wie auf
den Bahnhöfen drängte sich ein buntes Gemisch von
Fürsten, Bauern und armen Leuten, von weltbekannten
Bankiers und unbekannten Proletariern, Juden, Offizieren
des Bundesheeres, von Polizeibeamten und jenen
Kommunisten und Sozialisten, die sie verhaftet und bestraft
hatten; katholische Priester, Staatsbeamte und Journalisten
­ sie alle suchten verzweifelt, auf dem abfahrenden Zug
einen Platz zu erobern. Die Klügeren, die Strapazen auf sich
nehmen konnten, begaben sich in kleinen Gruppen zu Fuß
in die Wälder und schlugen sich nach den Grenzübergängen
in den Bergen durch, in der Hoffnung, auf Schleichwegen in
Sicherheit zu kommen." Die Häftlinge vom ersten Dachauer
Transport wurden in Überfallsautos gepfercht. Und es wird
so geschildert: ,,Da biegen die Wagen in die Mariahilfer
Straße ein und nehmen Kurs zum Westbahnhof. Da
plötzlich schreit einer mit Wahnsinnsstimme: ,Nach Dachau
­ ins Konzentrationslager!`"
Im ersten Dachauer Transport am 1. April 1938, dem
sogenannten Prominententransport, waren 151 Häftlinge,

Rudolf Gelbard
darunter die späteren Bundeskanzler Figl und Gorbach,
Vizekanzler Bock als Repräsentanten der Vaterländischen Front, der spätere Gewerkschaftspräsident Olah
und der Chef des Republikanischen Schutzbundes als
Repräsentanten der Sozialdemokratie sowie der spätere Stadtrat für Kultur, der Kommunist Matejka. Das
KZ Dachau verzeichnete 1938 den Zuzug von 18.695
Häftlingen, von denen mindestens 8000 aus Österreich
stammten. Außerdem waren noch im ersten Dachauer
Transport von den führenden Politikern der Vaterländischen Front der Bürgermeister von Wien Schmitz, der
Landeshauptmann von Niederösterreich Reiter, von der
Israelitischen Kultusgemeinde Präsident Friedmann, von
den sozialdemokratischen Politikern Danneberg und der
kommunistische Funktionär Soswinski.
Rudolf Kalmar, nach dem Krieg Chefredakteur der
Zeitung ,,Neues Österreich", war ebenfalls Häftling im
ersten Dachauer Transport und berichtete 1946 in ,,Zeit
ohne Gnade": ,,Als wir auf dem Westbahnhof von der
Wiener Polizei der Dachauer SS übergeben wurden, hörten
wir auf, Menschen zu sein. Wir hockten Mann an Mann
gepresst im Abteil und exerzierten nach dem Kommando
der Treiber. Bald mussten wir unter die Bänke kriechen,
bald ins Gepäcknetz hinaufturnen oder minutenlang in
das elektrische Licht starren, ohne zu zwinkern, wenn wir
nicht eine Tracht Prügel riskieren wollten. Wir mussten
hunderte Kniebeugen machen, unser Gegenüber
abohrfeigen und einander ins Gesicht spucken. Zehn
Stunden lang ohne Unterlass." (...)
Bewundernswert, und ich habe sie kennenlernen dürfen, ist das kämpferische Leben von Rosa
Jochmann. Sie war im Zeitraum vom Dezember 1945
bis zum 16. Mai 1967 Abgeordnete zum Nationalrat. In
einem Interview sagte sie: ,,Ich war sieben Jahre im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück eingesperrt. Wir,
die wir aus dem Konzentrationslager zurückgekommen
sind, wir sind keine freien Menschen. Die Gnade des
Vergessenkönnens ist keinem beschieden, der im Konzentrationslager war ­ das kann man nicht vergessen.
Es ist nicht so, dass es, je weiter es wegrückt, einfacher
und leichter würde ­ es bleibt. Man lebt mit unzähligen
unverdrängbaren Bildern." Ich kann diese Antwort von
Rosa Jochmann nur bestätigen, sie gilt genauso für mich
als ehemaligen KZ-Häftling.

Vol.65: BEDROHUNGEN, FEINDBILDER, SÜNDENBÖCKE

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