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Jüdisches Echo 2017

Seite 101 Jüdisches Echo 2017ehemaligen Bundespräsidenten Heinz Fischer auf ihn
gehalten wurden, wird stets betont, dass er diese Ver
pflichtung als aktiven Kampf gegen den alten und den
neuen Faschismus auffasste. Jemand, der 1938 auf Wiens
Straßen von Hitlerjungen drangsaliert worden ist, kann
nicht passiv zusehen, wenn Rechtsradikale wieder in der
Öffentlichkeit auftreten.
Wer sich heute wundert, wie sich rechtsradikale
Ideologien so lange im Verborgenen halten konnten,
übersieht, dass sie die ganze Zeit über da waren und von
Menschen, die als KZ-Überlebende ein besonderes Sen
sorium haben, durchaus bemerkt wurden. ,,Schon 1946
ist Rudi Gelbard dabei, als die Wiener Universität nach
Tumulten im Zusammenhang mit antisemitischen Äu
ßerungen in einer Vorlesung über ältere Geschichte ei
nen Tag belagert wird", schrieb Caspar Einem in einem
Porträt zu dessen fünfundsiebzigstem Geburtstag.
1948 stellt sich Gelbard ehemaligen ,,Ariseuren" in
den Weg, die im Hotel Wimberger zur Absicherung ih
rer Beute einen ,,Verband der Rückstellungsbetroffenen"
gründen wollten.
1955 macht er mit, als die Versammlung eines Ab
geordneten des FPÖ-Vorläufers VdU gesprengt wird, die
den Titel trägt: ,,Hungerrenten und die jüdischen Forde
rungen an Österreich". Wie es in solchen Fällen zuging,
hat Gelbard einmal selbst geschildert: Es wurden Türen
blockiert und die Vortragenden mit lauten Zwischenru
fen gestört, was manchmal auch zu Schlägereien führte.
Sein Freund Ferdinand Lacina (der spätere Finanz
minister) glaubt, dass er ihm zum ersten Mal 1959 be
gegnet ist, als in Wien ,,bei der sogenannten SchillerFeier, der ersten Großdemonstration alter und neuer
Nazis nach 1945" schlagende Studenten und andere weit
rechte Gruppen ,,sich anschickten, vom Rathaus zum
Heldenplatz zu marschieren". Gelbard stand wiederum
in der ersten Reihe derer, die dafür sorgten, dass sie nicht
ungehindert aufmarschieren konnten.

«Wer sich wundert, wie sich rechtsradikale
Ideologien so lange im Verborgenen halten
konnten, übersieht, dass sie die ganze Zeit da
waren und von Menschen wie Gelbard durchaus
bemerkt wurden.»
Bei der folgenschwersten Antisemitismus-Affäre nach
1945 spielte Lacina selbst eine wesentliche, wenn auch
erst später bekannt gewordene Rolle: Als neunzehnjäh
riger Welthandelsstudent schrieb Lacina in Vorlesungen
von Professor Taras Borodajkewycz dessen judenfeindli
che Tiraden mit. Heinz Fischer machte die Mitschriften
in der ,,Arbeiter-Zeitung" publik (zum Schutz des Stu
denten ohne dessen Namen). Fischer erhielt eine Geld
strafe wegen Ehrenbeleidigung. Lacinas Material landete
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bei Oscar Bronner (später Gründer von ,,Trend", ,,Profil"
und ,,Standard"), der es seinem Vater, dem Kabarettisten
Gerhard Bronner, übergab.
Eine mit antisemitischen Borodajkewycz-Zitaten
gespickte TV-Kabarettnummer ließ die Wogen hoch
gehen. Borodajkewycz verteidigte sich öffentlich. Seine
Fans trugen ihren Protest auf die Straße, wo sie ,,Heil
Boro" und ,,Hoch Auschwitz" schrien. Bei Zusammen
stößen mit Antifaschisten schlug am 31. März 1965 ein
Burschenschafter den Kommunisten Ernst Kirchweger
nieder, der das nicht überlebte. Rudolf Gelbard stand
nur wenige Meter daneben.

«Wir, die Überlebenden, sind nicht nur den

Toten verpflichtet, sondern auch den kommenden
Generationen. Wir müssen unsere Erfahrungen
weitergeben.»
Gelbard gehört zu den ,,sozialdemokratischen Freiheits
kämpfern", seine politische Heimat war und ist die SPÖ.
Das hindert ihn aber nicht, kritisch das Wort zu erhe
ben, wenn dort in Bezug auf den Nahostkonflikt einsei
tig propalästinensische Töne erklingen. In all den Jahren
beobachtete Gelbard zudem Prozesse gegen alte und
neue Nazis und eignete sich ein detailliertes historisches
Wissen an. Nachdem er sich zunächst als Handelsvertre
ter durchgeschlagen hatte, fand er seinen Traumjob: Die
Tageszeitung ,,Kurier" stellte ihn als Dokumentaristen
ein. Gelbard bereitete zeitgeschichtliche Serien vor und
recherchierte für Bücher von Hans Rauscher (,,Israel,
Europa und der neue Antisemitismus") und Hans-Hen
ning Scharsach (,,Haiders Kampf").
Es ist wenig überraschend, dass von ihm enttarnte
Rechtsradikale bösartig reagierten. In der ,,Alpen-Do
nau.info" wurde Gelbard als ,,Berufsüberlebender" und
,,Hetzjude" beschimpft.
Nicht selten wird Gelbard gefragt, warum er sich
das alles antue, wie er das bloß aushalte. Als er am 8.
Mai 2016 beim Staatsakt zum Gedenken an die Befrei
ung vom Nationalsozialismus im Bundeskanzleramt die
Festrede hielt, gab er darauf implizit eine Antwort. Aus
dem Buch ,,Recht, nicht Rache", der Autobiografie von
Simon Wiesenthal, mit dem er zu dessen Lebzeiten einen
freundschaftlichen Briefwechsel geführt hatte, brachte
Gelbard dieses Zitat: ,,Wir, die Überlebenden, sind nicht
nur den Toten verpflichtet, sondern auch den kommen
den Generationen. Wir müssen unsere Erfahrungen wei
tergeben, damit sie daraus lernen können. Information
ist Abwehr! Die Überlebenden müssen wie Seismogra
phen sein, sie müssen die Gefahren früher als andere
wittern, in ihren Konturen erkennen und aufzeigen. Wir
dürfen nicht für harmlos halten, was in einer Katastro
phe münden kann."
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