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Jüdisches Echo 2017

Seite 67 Jüdisches Echo 2017Heim in St. Gallen, von Flüchtlingen nach der jüdischen Helferin
Recha Sternbuch benannt

überwiegende Teil von ihnen war zu diesem Zeitpunkt
allerdings bereits tot. Für die zuständige Kommission
spielte es keine Rolle, ob die Betroffenen Geld für ihre
Dienste genommen hatten oder nicht und aus wel
chen Motiven sie gehandelt hatten. Es kam nur darauf
an, dass sie die Flüchtlinge tatsächlich über die Grenze
gebracht und nicht im Stich gelassen hatten. Mit dem
Gesetz sollte, so Keller, auch demonstriert werden, ,,dass
nicht die Fluchthelfer ungesetzlich waren, sondern dass
Gesetze, die fliehende Menschen in den Tod schicken,
jeder Vorstellung von Recht widersprechen".4 Eine an
dere für die illegale Fluchtbewegung besonders wichtige
Region war der deutsch-belgische Grenzraum zwischen
Aachen und Losheim. Das Eifel-Ardennen-Gebiet war
bereits seit dem Ende des Ersten Weltkriegs zu einem
Paradies für Waren- und Devisenschmuggler geworden.
Der Zustrom von Flüchtlingen hatte sich 1938 enorm

intensiviert und ebbte erst nach dem deutschen Überfall
auf Belgien im Mai 1940 ab, kam aber auch dann nicht
vollständig zum Erliegen. Noch 1942 wurden Berliner
Jüdinnen und Juden von den Fluchthilfeorganisationen
,,Hella" und ,,Hedwig" über diese Region nach Brüssel
und Antwerpen geschleust.
Der Grenzübertritt wurde auf unterschiedliche Wei
se bewerkstelligt. Anfangs wurde gerne die alte Venn
bahn benutzt, deren Trasse durch deutsches und belgi
sches Staatsgebiet führte. Andere Verfolgte tarnten sich
als Sonntagsausflügler oder schlossen sich Exkursionen
von Vogelkundlern im Grenzgebiet sowie den wöchent
lichen Prozessionen von Aachen zum belgischen Mari
enwallfahrtsort Moresnet an und setzten sich jenseits
der Grenze ab. Im Laufe der Zeit wurde die unerlaubte
Überwindung der Grenze immer gefährlicher. Die oft
ungenügend auf die Strapazen vorbereiteten Flücht
linge mussten sich etwa unter Lastwagenplanen oder
im Inneren von Wassertankwagen verbergen, die beim
Westwallbau eingesetzt wurden. Eigens geschulte belgi
sche Grenzgendarmen mit schweren Motorrädern und
schwarzen Helmen, in der Bevölkerung ,,Judenfänger"
genannt, hatten den Auftrag, illegale Einreisende aufzu
spüren und diese unverzüglich an die deutschen Behör
den auszuliefern.
Auch in Jugoslawien hatte die immer restriktivere
Flüchtlingspolitik ab 1938 zur Folge, dass ein großer
Teil der Flüchtlinge illegal ins Land kam, und zwar meist
über die Grenzregionen der Südweststeiermark und des
südlichen Burgenlandes.
Der Grazer Josef Schleich, der sich schon seit den
1920er-Jahren mit Schwarzhandel und Warenschmuggel
befasst hatte, spielte beim illegalen Grenzverkehr zwi
schen dem nationalsozialistischen Österreich und Jugo
slawien eine Schlüsselrolle. In enger Kooperation mit der
Grazer jüdischen Gemeinde, dem Wiener Palästina-Amt
sowie verschiedenen jüdischen Organisationen und unter

Am 9. Juni 2016 übergab Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny den von
der Stadt Wien gestifteten Leon-ZelmanPreis an Gabriele Anderl (siehe Foto).
Diese ,,Historikerin, Exilforscherin und
Wissenschaftsjournalistin" setzt sich seit
Jahren ,,umfassend mit der Entrechtung,
Beraubung, Vertreibung, der Flucht und
dem Exil Wiener Jüdinnen und Juden auseinander. Darüber hinaus erforscht sie
Parallelen zwischen den heutigen Flüchtlingsbewegungen und 1938 ohne diese
gleichzusetzen. Ihr Engagement und ihre

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Bi l da rc hi v Ro l an d G re t l er / Z ü ri c h, PID / Sc h au b -Wal z e r

Preis für den Dialog und das Erinnern
Empathie spiegeln sich nicht nur in ihrer
wissenschaftlichen Arbeit wider, sondern
auch in ihrem zivilgesellschaftlichen
Engagement für die Menschenrechte",
so die Begründung der Jury.
Im Gedenken an Leon Zelman,
der 2007 verstarb, wird der nach ihm
benannte Preis seit 2013 an Personen
und Organisationen vergeben, die sich
für die Erinnerung an die Shoah und
den Dialog zwischen dem heutigen
Österreich und den Opfern der NS-Ver
folgung eingesetzt haben. (OTS)

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