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Jüdisches Echo 2017

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Als im September 1943 Italien kapitulierte, der nördliche
und der mittlere Teil des Landes von der Wehrmacht
besetzt wurden und unmittelbar darauf die Deporta
tionen begannen, flohen Tausende in Richtung Tessin.
Abermals kam es zur systematischen Rückweisung von
zivilen Flüchtlingen.
Die illegalen Grenzübertritte in die Schweiz hat
ten bereits 1933 begonnen. Zunächst waren es vor al
lem Kommunisten und Sozialdemokraten gewesen, die
auf diese Weise die Schweizer Grenze passiert hatten.
Während des Spanischen Bürgerkrieges reisten zahlrei
che Interbrigadisten auf dem Weg nach Spanien illegal
in die Schweiz ein. Die große Welle der illegalen Ein
wanderung vor allem jüdischer Flüchtlinge begann aber
erst nach dem ,,Anschluss" Österreichs. Einer der Brenn
punkte des Geschehens war das Vorarlberger Rheintal.
Eine andere, wesentlich beschwerlichere Fluchtroute
führte vom Montafon über die Silvretta und den Rätikon
in den Schweizer Kanton Graubünden.
Auch verschiedene Grenzabschnitte am Hochrhein,
zwischen dem Bodensee und Basel, waren für die illegale
Fluchtbewegung von großer Bedeutung, wobei beson
ders im Raum Konstanz auch ortsansässige Jüdinnen und
Juden in der Fluchthilfe aktiv waren. Von den Schweizer
Behörden wurde Beihilfe zur unerlaubten Einreise mit
Haftstrafen und empfindlichen Geldbußen geahndet.
Im Sommer und Herbst 1942 verlagerte sich die
Massenfluchtbewegung in die Westschweiz ­ an den
Genfer See und an die grüne Grenze bei Genf, in die
Walliser Alpen und in den Jura. Neben französischen,
belgischen und niederländischen Jüdinnen und Juden
gelangten nun auch viele Verfolgte aus Deutschland und
Österreich, die zuvor in Frankreich Zuflucht gesucht
hatten, vom Westen und Süden her an die Schweizer
Grenze. Fast alle waren in dem ihnen unbekannten Ge
lände auf Schlepper oder Passeure, wie sie hier genannt
wurden, angewiesen.
An der Schweizer Westgrenze arbeiteten ab 1942
viele bezahlte und unbezahlte Passeure für jüdische oder
christliche Organisationen, die versuchten, Kinder von
bereits deportierten Jüdinnen und Juden aus franzö
sischen Heimen in die Schweiz zu retten. Die protes
tantische Fluchthilfeorganisation CIMADE unterhielt
sogar fest angestellte Schlepper, die einen regelmäßigen
Lohn bezogen. Eines dieser Fluchthilfenetzwerke (fili
ères) reichte von Belgien bis in den schweizerischen Jura
und von dort weiter ins Landesinnere. Aufgedeckt wur
de es 1943 von Schweizer Militärpolizisten, die sich als
Flüchtlinge verkleidet hatten.
In dem rigiden Abwehrsystem, das die offizielle
Schweiz gegen den Zustrom von Flüchtlingen aufgebaut
hatte, gab es aber auch Lücken ­ Menschen, die nicht
bereit waren, die unmenschliche Politik mitzutragen.
Der inzwischen wohl berühmteste Schweizer Retter war
der Kommandant der Kantonspolizei St. Gallen, Paul

Brückensperre im Vorarlberger Dorf Bangs im Rheintal an der
Grenze zur Schweiz

Durchsuchen eines schweizerischen Fuhrwerks in Lustenau,
wo Schweizer Bauern Grund besaßen

Grüninger. Nach der Grenzsperre im August 1938 er
möglichte er, vor allem durch die Manipulation von Do
kumenten, mehreren hundert, vielleicht sogar mehreren
tausend Flüchtlingen die Einreise in die Schweiz. Grü
ninger wurde im Frühjahr 1939 fristlos entlassen und
zwei Jahre später vom Bezirksgericht St. Gallen wegen
Amtspflichtverletzung und Urkundenfälschung verur
teilt. Er fand für den Rest seines Lebens keine feste Stelle
mehr und starb 1972 als armer Mann.
Erst in den 1990er-Jahren gelang, nach Überwin
dung großer politischer Widerstände, die schrittweise
Rehabilitierung Grüningers, vor allem dank des Enga
gements des Journalisten und Schriftstellers Stefan Kel
ler. Später wurden auf Basis eines 2004 beschlossenen
,,Bundesgesetzes über die Aufhebung von Strafurteilen
gegen Flüchtlingshelfer zur Zeit des Nationalsozialis
mus" 137 Männer und Frauen rehabilitiert ­ der weitaus

Vol.65: BEDROHUNGEN, FEINDBILDER, SÜNDENBÖCKE

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