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Jüdisches Echo 2017

Seite 42 Jüdisches Echo 2017G ab ri e l e Les s e r, Archi v

Das bekannteste ist das Pogrom von Jedwabne, als christ
liche Polen fast alle ihre jüdischen Nachbarn ermorde
ten, um sich deren Besitz aneignen zu können. Auch in
Bialystok erhielten Polen, die mit den deutschen Besatzern
zusammenarbeiteten, die Wohnungen und Häuser ihrer
jüdischen Nachbarn. Viele Bialystoker wohnen bis heute
in den einst von den Deutschen ,,arisierten" Häusern.
Das fehlende Reprivatisierungsgesetz in Polen beförderte
in den vergangenen fast dreißig Jahren den Umstand, dass
zunehmend vergessen wurde, wem die Wohnungen einst
gehörten. In der Zeit des Realsozialismus nach dem Zwei
ten Weltkrieg wurde die Frage nicht gestellt. Bialystok
war ähnlich stark zerstört wie Warschau. Jeder war froh,
ein Dach über dem Kopf zu haben.
,,Sie nahmen den ungleichen Kampf auf, wohl wis
send, dass er von vornherein zum Scheitern verurteilt
war", erinnert Leslaw Piszewski, der Vorsitzende des
Jüdischen Gemeindebundes. ,,Einigen hundert gelang
die Flucht in die Wälder, wo sie sich den Partisanen an
schlossen", so Piszewski. ,,Die anderen starben im Kampf
um Freiheit und Würde." Der im israelischen Kiriat
Bialystok lebende Jakub Kagan dankt den polnischen
Politikern für die Organisation der Gedenkfeier und
sagt: ,,Wir erinnern daran, dass es die Deutschen waren,
die die Juden ermordeten und die Konzentrationslager
errichteten."
Nach dem Totengebet für die Bialystoker Juden,
das Polens Oberrabbiner Michael Schudrich spricht, le
gen die einzelnen Delegationen ihre Blumengebinde und
Kränze nieder. Auffällig ist, dass die katholischen und or
thodoxen Würdenträger fehlen. Nach und nach werden
die Delegationen aufgerufen, doch es ist kein einziger Bi
schof und auch kein katholischer oder orthodoxer Priester
dabei. Die jungen Deutschen wiederum müssen ihre Blu
men niederlegen, ohne dass ihre Delegation aufgerufen
wird. Der Stadtbeamte erklärt später: ,,Ich wollte sie nicht
beleidigen. Deutsch, Deutsche ­ das geht doch nicht."
Der Journalist und Theaterregisseur Dariusz SzadaBorzyszkowski hält das Fehlen der katholischen und or
thodoxen Bischöfe und Priester für symptomatisch. ,,In
der hiesigen Sankt-Nikolaus-Kathedrale liegen die Gebei
ne des heiligen Gabriel. Einer Legende zufolge sollen Ju
den den Knaben in ein mit Nägeln gespicktes Fass gesteckt
und ihn dann so lang gerollt haben, bis das ganze Blut he
rausgeflossen war. Diese orthodoxe Ritualmordlegende ist
in Bialystok nach wie vor sehr lebendig. Die Leute glau
ben das." Und was die katholische Kirche in Bialystok
angehe, so reiche wohl ein Verweis auf die Hasspredigt
von Priester Jacek Miedlar für das Nationalradikale Lager
(ONR) in der Barmherzigkeits-Kathedrale.
Tatsächlich hatte der Priester am 16. April die
schwarz uniformierten Rechtsradikalen vom Altar her
aufgefordert: ,,Null Toleranz für die jüdische Feigheit!"
Nach der Messe marschierten die so Aufgehetzten durch
Bialystok und brüllen: ,,Zionisten werden statt Blättern

Denkmal der großen Synagoge (aus nachgebauten KuppelElementen)

Grabsteine am jüdischen Friedhof: In den 50er-Jahren
zugeschüttet, Park angelegt

an den Bäumen hängen." Zwar entschuldigte sich das
Erzbistum drei Tage später, doch nur ,,bei denjenigen,
die sich durch das Verhalten der ONR-Mitglieder in der
Kathedrale gestört fühlen".
Szada-Borzyszkowski, der auch im Freundesverein
der jüdischen Kultur aktiv ist und sich seit Jahren für die
Erinnerung an das jüdische Bialystok einsetzt, fiel schon
der ersten Säuberungswelle zum Opfer, nachdem die
PiS den öffentlich-rechtlichen Rundfunkt übernommen
hatte. Denn wer in Bialystok will schon genauer wissen,
wie die Stadt aussah, als es hier noch ein reges jüdisches
Leben gab? Ein bis zwei Gedenkfeiern im Jahr, und der
Erinnerung ist Genüge getan. Ob er in Bialystok bleibt,
weiß er noch nicht. Im Weggehen summt er leise die
Hymne vor sich hin: ,,Bialystok, mein Heim, Bialystok,
mein Traum ..."
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Vol.65: BEDROHUNGEN, FEINDBILDER, SÜNDENBÖCKE

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