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Jüdisches Echo 2017

Seite 135 Jüdisches Echo 2017sonders sensible Gradmesser für demokratiepolitisches
Bewusstsein darstellen. Wo den Medien das freie Wort
und von der Politik oder Machtkartellen unzensierte Bei
träge verwehrt sind, wo investigativer Journalismus und
auch nur leiseste Kritik am Staat und dessen Verwaltung
verwehrt sind, da ist zumindest der Verdacht, es mit einer
demokratiefeindlichen Lenkung des Staates und der Ge
sellschaft zu tun zu haben, nicht unbegründet.
Medien und deren Redaktionen werden in solchen
Systemen zu Feindbildern, das Recht auf Meinungsfrei

Tam as Kovac s / E PA / pi c t u redesk .c o m, Th o m as Ko c h / sh u t t ers to c k

Politologe Charles Gati: Einstiger Orbán-Mentor kritisiert
,,gelenkte Demokratie"

heit zur Ursache, zum Ursprung dieses Bildes. Gefragt
und erlaubt sind schließlich irgendwann nur noch jour
nalistische Liebedienerei und Hofberichterstattung.
Wer hingegen auf das Menschenrecht Meinungsfreiheit
pocht, wird mundtot gemacht und landet auf schwarzen
Listen. Das war während der Diktaturen des zwanzigsten
Jahrhunderts so, das ist auch heute wieder mancherorts
Usus. Nicht die freie Meinungsäußerung und freie In
formationen stehen inzwischen am höchsten im Kurs,
angesagt ist vielmehr ein verschärftes Law-and-OrderDenken, beim so genannten Volk, bei politischen Partei
en und deren Fußvolk, auch bei Regierenden.
Unter dem Titel ,,Magie der harten Führer" be
schreibt Stefan Ulrich diese Tendenzen in der ,,Süd
deutschen Zeitung". ,,Trump, Putin, Erdoan. Weltweit
haben Politiker, die Härte demonstrieren, besonders
großen Zulauf." Die heutigen Populisten seien zwar
nicht mit Mussolini oder gar Hitler zu vergleichen, sie
benutzten jedoch ähnliche Machttechniken. Der Autor
zitiert aus dem Jahresbericht 2015 der britischen Econo
mist Intelligence Unit: ,,In unserem Zeitalter der Angst
ist die Freiheit oft das erste Opfer von Furcht und Unsi
cherheit." Ungefähr die Hälfte der heutigen Staaten sei
en Demokratien, doch nur in zwanzig Ländern lebten
die Menschen in voll ausgeprägten Demokratien. Der
Übergang von Demokratien zu Diktaturen allerdings ist
schleichend und wird zumeist erst dann in seiner ganzen
Tragweite wahrgenommen, wenn er bereits passiert ist.
,,Eine Diktatur richtet mehr Schaden an, als man
glaubt. Eine Diktatur leidet an inneren Schäden, an in

Pro-Erdoan-Demo in Istanbul: Unabhängige Journalisten als verhasstes Feindbild

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