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Jüdisches Echo 2017

Seite 10 Jüdisches Echo 2017In Zeiten wachsender Bedrohungen

Von Ingrid Brodnig

Der virtuelle Judenstern
Hass und Häme für Opfer der Konzentrationslager, Drohungen gegen jüdische Journalisten: Im
Netz erstarkt der Antisemitismus. Gerade Rechtsextreme nutzen die sozialen Medien geschickt für

I n g o Pe r t r a m er /Br an d s tät t e r V e rl ag, CC BY- SA 3. 0 DE / W I K IME DIA

ihre Propaganda ­ wehrlos ist man jedoch nicht.

Esther Bejarano wurde im Frühjahr 1943 in einem
Viehwaggon von Berlin nach Auschwitz deportiert. Die
damals Achtzehnjährige überlebte das Vernichtungslager,
indem sie vorgab, Akkordeon spielen zu können. Denn
für das Mädchenorchester von Auschwitz wurde zu die
sem Zeitpunkt eine Akkordeonistin gesucht. Bejarano
war in einer musikalischen jüdischen Familie aufgewach
sen und verfügte über so viel Talent, dass sie das Inst
rument mit ein wenig Improvisation tatsächlich spielen
konnte ­ was ihr das Leben rettete.
Heute ist Bejarano, eine der letzten Zeuginnen der
Shoah, einundneunzig Jahre alt und erlebt eine neue Form
des Hasses. Am 18. April 2015 schrieb ein User über sie
auf Facebook: ,,Die große ,Esther-Bejarano-Show`, Lesun
gen, Vorträge und zum Schluss noch ein Konzert ... Ko
mischerweise werden überall in der Welt alte Menschen
für ,Beihilfe zum Massenmord` angeklagt und verurteilt,
weil sie mit dem Naziregime kollaboriert hatten. Und
nichts anderes hat diese Frau, die ,um ihr Leben gesungen`
hat, getan, sie hat andere mit einem lachenden Auge in

Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano bei einer Demo in Berlin:
Via Facebook attackiert

Vol.65: BEDROHUNGEN, FEINDBILDER, SÜNDENBÖCKE

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