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Koblenz - Stadt am Deutschen Eck 2017

Seite 6 Koblenz - Stadt am Deutschen Eck 2017Koblenz

Die Stadt am Deutschen Eck

Vietnamesische Gläubige zieht es nach Koblenz-Horchheim

Ein Ort spirituellen Lebens
Aus dem ehemaligen Kolpinghaus in der Grafenstraße wurde ein buddhistisches Kloster
halten Vorträge, lehren
das Gesetz des Buddhismus und meditieren
mit der Gruppe. Alles
geschieht auf Vietnamesisch. Das Mittagessen wird als Zeremonie
begangen. Einer der
Mönche schlägt ein
Klanginstrument
an,
das das Gebet einläutet. Der zweite Mönch
spricht per Mikrofon zu
den Gläubigen. Er erklärt ihnen das achtsame Essen und weist darauf hin, dass Nahrung
nicht nur dem Hungerstillen dienen soll, sondern ein Geschenk des
Die beiden in der Pagode lebenden Nonnen Nhuan Tu (l.) und Minh Hieu
Universums ist und als
vor der Gruppe der Gläubigen.
Fotos: BSB
heilige Kraft gilt. Zu den
weiteren Ritualen vor
der Nahrungsaufnahme
Koblenz-Horchheim.
Schät- sie nach Deutschland gerufen, gehören die symbolischen drei
zungsweise rund eintausend viet- weil für die vielen Deutsch-Vietna- Löffel Reis. Der erste Löffel soll
namesische Staatsbürger und mesen religiöse Betreuer ge- die Gläubigen darin bestärken,
deutsche Bürger mit vietnamesi- braucht wurden. Einige Jahre lang nichts Unrechtes zu tun, der zweischen Wurzeln leben in Koblenz lebte sie in Hamburg, wo sie für te, gute Taten zu vollbringen, und
und Umgebung. Die Religion, zu ein vietnamesisch-buddhistisches der dritte, ein noch besserer Budder sich die Mehrheit der Kulturzentrum tätig war. 2014 kam dhist zu werden. Schließlich heDeutsch-Vietnamesen bekennt, ist sie zur Gründung der Pagode ben alle Teilnehmer die mit der
der Buddhismus. Um den vietna- nach Koblenz. Da sie Nonne nur Speise gefüllten Schalen auf einer
mesischen Buddhisten Orte des wenig Deutsch spricht, beantwor- Hand in die Höhe, während sie
spirituellen Lebens zu geben, tet Hoang Anh Cao tiefer gehende Zeige- und Mittelfinger der andewurden und werden Klöster (Pa- Fragen der Besucher zum Kloster ren Hand vor die Stirn halten.
goden) von vietnamesisch-buddis- oder zum Buddhismus. Der Dip- Mantras sprechend, segnen sie
tischen Gläubigen mit eigenen lom-Ingenieur arbeitet beim Bun- auf diese Weise die Mahlzeit.
Spenden und eigener Kraft einge- desamt für Ausrüstung, Informati- Die besteht in der Hauptsache
richtet. Oftmals in normalen onstechnik und Nutzung der Bun- aus Reis, Tofu und Gemüse. Denn
Wohnhäusern, die entsprechend deswehr (BAAINBw). Als Freund buddhistische Mönche und Nonumgebaut werden. Die dort leben- und Helfer kümmert er sich um nen ernähren sich aus Respekt
den Mönche oder Nonnen betreu- die administrativen Dinge der Pa- vor der Kreatur streng vegetarisch
en vorwiegend ihre Landsleute in gode ­ und das schon seit Beginn ­ Laienbuddhisten streben an, es
religiösen Fragen und unterstüt- des Erwerbs des Gebäudes bis ihnen gleichzutun, erklärt Cao.
zen sie mit verschiedenen Ange- zu den heutigen Renovierungsar- Während die Teilnehmer nun in
boten beim Praktizieren ihrer Reli- beiten. Er hat bei Sprachproble- Ruhe essen, zeigt er der Besugion.
men und Behördengängen sowie chergruppe, die sich zuvor ihrer
In der Grafenstraße 2 in Koblenz- bei der Pflege zu den deutschen Schuhe entledigen soll, den GeHorchheim erwarb der Verein ,,Vi- Nachbarschaften geholfen.
bets- und Meditationsraum nebenetnamesisch-buddhistische Gean. Er erklärt, welche Arbeiten geEssen als religiöse Zeremonie
meinde Südwestdeutschland" im
leistet werden mussten, um den
Sommer 2014 das ehemalige Kol- An diesem Samstag begleitet er Raum nutzbar zu machen. Das
pinghaus, um es als Pagode nutz- eine Besuchergruppe in die Pago- Dach wurde erneuert, die Balken
bar zu machen. Nach ersten und de. Im und am Gebäude herrscht mit dicken Eisenprofilen verstärkt,
heute immer noch anhaltenden rege Betriebsamkeit. Während ein neuer Boden eingebracht und
Renovierungsarbeiten leben dort Handwerker im Eingangsbereich vieles mehr. Alles sei ausschließmittlerweile die beiden Nonnen die Haustür erneuern, beginnt im lich mit Hilfe von Spenden der
Nhuan Tu und die Gründerin der großen Speise- und Aufenthalts- Gläubigen und mit ,,Muskelkapital"
,,Chua Bao Thanh" genannten Pa- raum gerade das Mittagessen. Am realisiert worden.
gode: Minh Hieu. Sie organisieren heutigen Gebets- und MeditatiAus der Bühne wurde ein Altar
das religiöse Miteinander und be- onstag nehmen rund fünfzig vietLaien-Buddhisten Wer den Raum noch aus Kolpingtreuen die noch anstehenden namesische
Bauarbeiten. Die 53-jährige Minh aus ganz Deutschland teil. Durch haus-Zeiten kennt, als hier KarneHieu ist bereits seit 45 Jahren diesen Tag begleiten sie zwei aus val und andere Feste gefeiert wurbuddhistische Nonne. 1980 wurde Hannover angereiste Mönche. Sie den, der ist über die Wandlung

Die Essenszeremonie wird von den beiden aus Hannover angereisten Mönchen geleitet.
doch sehr erstaunt. Die einstige
Bühne hat sich in einen reich verzierten Altar verwandelt, dessen
Rückwand in einem satten Hellblau angestrichen ist. Dort ist mittig im Hintergrund eine große Statue des meditierenden Buddhas
aufgestellt, um ihn herum kleinere
Figuren, so genannte Bodhisattvas, was mit ,,Erleuchtungswesen"
übersetzt werden kann. Im gesamten Altarbereich sind zudem
Kerzenständer, Vasen mit Blumen
und Obstschalen platziert. Vor
dem Altar liegen in gebührendem
Abstand zueinander auf dem Boden halbmondförmige Gebetskissen. Dort werden die Gläubigen
gleich meditieren und Sutras rezitieren. Zuvor will Cao aber noch
den neben dem Altar befindlichen
Raum erwähnen. Dort ist der Totengedenkaltar verstorbener Angehöriger der vietnamesischen
Gemeinde errichtet. Ein wichtiger
Raum, in dem die beiden Nonnen
jeden Tag Andachten halten, um
die Seelen der Verstorbenen zu

pflegen. Nach der Besichtigung
bittet Minh Hieu die Besucher auf
ein Getränk in den ersten Stock
der Pagode, wo sich die Räumlichkeiten der beiden Nonnen befinden. So weit es über sprachliche Barrieren hinweg möglich ist,
beantwortet sie noch Fragen und
beteiligt sich an der kurzen Diskussion über einige Prinzipien des
Buddhismus. Minh Hieu verspricht, noch besser Deutsch zu
lernen, und Cao sagt zu, im Sommer zusammen mit den Nonnen
zur Kirmes in Horchheim zu kommen, um sich dort in irgendeiner
Form einzubringen. Das wäre eine gute Gelegenheit, mit den
Horchheimern und ihren Gästen
ins Gespräch zu kommen und zu
erklären, was die Buddhisten im
alten Kolpinghaus eigentlich so
machen. Es könnte zudem ein
erster Schritt zur weiteren Öffnung
der Pagode sein, die bei ihrer Eröffnung doch auch als ein Ort der
interkulturellen Begegnung angekündigt wurde.
- BSB -

Wo früher gefeiert wurde, befindet sich heute der Gebetsraum
der Pagode.

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