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Jüdisches Echo 2015

Seite 89 Jüdisches Echo 2015aus. Meist nimmt er sich einen Anwalt, die Kosten des
Tests, die bei über tausend Euro liegen, muss er selbst tragen. In Finnland (das insgesamt viel weniger Asylwerber
als Deutschland oder Österreich aufweist) übernimmt
die Kosten der Staat.
Für Österreich muss das im Ausland lebende Familienmitglied selbst den Antrag auf Nachzug stellen ­ und
zwar bei der nächstgelegenen österreichischen Botschaft.
Für eine Person in Afghanistan bedeutet das eine Reise
nach Teheran oder ins pakistanische Islamabad. Wegen
des Monate dauernden Verfahrens müsste ein längerer
Aufenthalt oder eine weitere Reise einkalkuliert werden.
Wird der Nachzug genehmigt, so erhält die Person ein
Einreisevisum, muss dann aber, wie jeder neu angekommene Flüchtling, in einem Erstaufnahmezentrum beginnend, das Asylverfahren durchlaufen. (Die Test-Kosten
werden oft von NGOs übernommen, die auch die Beratung durchführen.)

«Nach längeren Phasen der Trennung seien
solche Fragen (,,Welche Farbe hat die Zahnbürste
deiner Mutter?" ­ ,,Wer liegt im Bett auf
welcher Seite?") auch gar nicht so einfach zu
beantworten.»
Bei der Buchpräsentation in Klagenfurt wurde diese
Darstellung des Verfahrens von Berichten aus der Praxis
konterkariert. Barbara Payer, die Flüchtlingsbeauftragte
des Landes Kärnten, und Elisabeth Steiner, ehemalige
,,Standard"-Journalistin, die nun in Weitensfeld im Gurk
tal ein Flüchtlingsheim betreibt, berichteten übereinstimmend von den übertrieben optimistischen Erwartungen
ihrer Schützlinge. Schlepper würden den Flüchtlingen
versprechen, dass der Familiennachzug rasch vonstattengehen werde. Danach sei die Enttäuschung groß.
Die unterschiedliche Behandlung geht auch nach
einem letztendlich positiven Bescheid weiter. In Finnland werden die Ergebnisse der DNA-Tests vernichtet.
In Deutschland, wo medizinische Daten an sich zehn
Jahre aufgehoben und nicht an die Polizei weitergegeben
werden, landen DNA-Daten von Zuwanderern sofort in
polizeiliche Datenbanken und verbleiben dort dreißig
Jahre. Dadurch würden die Zuwanderer insgesamt ,,kriminalisiert", urteilt der Bioethiker Martin Weiss. (In Österreich liegt es an den die Tests durchführenden Labors,
was mit den Daten geschieht.)
Im Gegensatz zu anderen wissenschaftlichen Arbeiten, bei denen man seine Anfangsannahmen oft bestätigt
fühle, habe die Immigene-Untersuchung einige seiner
Ansichten verändert, sagt Weiss. So könnte eine eindringliche Befragung, speziell auch bei Kindern, zu Verstörungen führen. Nach längeren Phasen der Trennung
seien solche Fragen (,,Welche Farbe hat die Zahnbürste
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deiner Mutter?" ­ ,,Wer liegt im Bett auf welcher Seite?")
auch gar nicht so einfach zu beantworten. Die freiwillige Abgabe einer Speichelprobe für den DNA-Test sei da
weniger belastend.
Allerdings kann er auch andere, unerwartet negative
Folgen haben: So gibt es in jeder Gesellschaft das Phänomen der ,,Vaterschaftsdiskrepanz", im Volksmund auch
,,Kuckuckskinder" genannt. Wenn so etwas im Zuge eines DNA-Tests ans Licht kommt, könne das Familien
zerstören. (Ohne Test gelten alle Kinder eines Ehepaars
als leiblich.)
Den Immigene-Forschern fiel bei der Untersuchung
neuerer Entwicklungen auf den Gebieten von Biotechnologie und Genetik auch auf, dass der Drang zur
möglichst genauen Feststellung der Identität anhält. Im
Zusammenhang mit Flüchtlingen sei es nun möglich zu
eruieren, ob jemand, der als Herkunftsland Kenia oder
Somalia angibt, tatsächlich aus diesen Teilen Afrikas
stammt.
Über Migrationsfragen hinaus hat die ,,Biologisierung" bereits zahlreiche andere Bereiche erfasst. Verfechter des Rechts auf die ,,genetische Identität" lehnten
beispielsweise auch anonyme Samenspenden ab und
würden für die Abschaffung der ,,Babyklappen" eintreten, an denen verzweifelte Mütter ihre Neugeborenen
anonym abgeben können, sagt Martin Weiss. Vertretern
der Vererbungslehre scheint die Kenntnis der genetischen Abstammung wichtiger als das Recht auf Überleben zu sein.
Was mit solchen Daten festgestellt werden kann, ist
auch bekannt: Prognosen über die Wahrscheinlichkeit,
ob jemand bestimmte Krankheiten bekommen wird,
können für deren Prävention und Behandlung nützlich sein. (Arbeitgeber und Versicherungen wären aber
natürlich auch sehr an solchen Daten interessiert, was
zu neuen Diskriminierungen führen könnte.) Düster
wird es, wenn Erbmerkmale (auch ethnische) zu Vorhersagen herangezogen werden, ob jemand kriminell
werden wird. Die große Frage dabei ist, ob der Gesetzgeber ­ von Bioethikern und Wissenschaftssoziologen
unterstützt ­ imstande sein wird, der fortschreitenden
Genetisierung und den Verlockungen des Machbaren
Grenzen zu setzen.
2

Das Buch:
Torsten Heinemann, Ilpo Helèn,
Thomas Lemke, Ursula Naue and
Martin G. Weiss (eds.)
Suspect Families.
DNA Analysis, Family Reunification
and Immigration Policies. Ashgate
Publishing, Surrey (GB) and Burlington
(USA) 2015

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