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Jüdisches Echo 2015

Seite 80 Jüdisches Echo 2015Anschluss daran werden Verschwörungen, denen man
die Schuld für den Machtverlust zuschreibt, konstruiert,
häufig traditionellen antisemitischen Bildern entsprechend. Sündenböcke werden geschaffen und als Auslöser
für alle möglichen aktuellen Probleme oder Schwierigkeiten instrumentalisiert.
Eine ,,Politics of Denial" (Politik der Leugnung)
dominiert (Wodak 2015a) ­ denn die Anhänger solcher
Parteien würden sicherlich behaupten, dass sie niemals
rassistische oder antisemitische Ansichten billigen. Die
Parteien präsentieren sich als patriotisch, als Parteien, die
die Bedürfnisse der ,wirklichen Dänen/Finnen/Ungarn/
Griechen/Österreicher usw.` schützen und das ,,Volk"
vor der Globalisierung und anderen (oftmals vermeintlichen) Bedrohungen retten ­ eine Tatsache wird dabei
ausgeblendet: nämlich, dass Europa und die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union schon seit einigen Jahrzehnten Einwanderungsländer geworden sind und dass
man dieser Entwicklung mit neuen Maßnahmen für

Integration, Bildung und für die Beschäftigungspolitik
begegnen muss.
Eine allgemeine Politik der Angst, die gegen alle
neuen Entwicklungen mobilisiert wird, bedeutet eine
negative Mobilisierung. Diese Mobilisierung dient keiner konstruktiven und in die Zukunft gerichteten Agenda, sondern einer anachronistischen Agenda, die eine
imaginierte Vergangenheit mithilfe von Nostalgie und
Anti-Intellektualismus zu bewahren versucht. Parteien
der politischen Mitte wären gut beraten, die vielen Probleme, die mit den globalen und lokalen Entwicklungen
der letzten Zeit entstanden sind, anzugehen ­ sie sollten
nicht unter den Teppich gekehrt, sondern mit alternativen politischen Konzepten beantwortet werden. Damit
würde das Gedenkjahr 2015 (und auch andere ähnliche
Gedenken) nicht zu einem bedeutungsleeren Ritual erstarren; eine Konfrontation mit der Geschichte könnte
in einem solchen Fall wichtige Erkenntnisse für Gegenwart und Zukunft zeitigen.
2

1 Als Topoi bezeichnen wir inhaltsbezogene Schlussfolgerungsregeln,
die eines oder mehrere Argumente mit der Schlussfolgerung verknüpfen
(obligatorische explizite oder erschließbare Prämissen im Rahmen der
Argumentation) (vgl. Reisigl 2014; Wodak & Boukala 2015).

Reisigl, Martin (2014), "Argumentation Analysis and the DiscourseHistorical Approach: A Methodological Framework", in: Hart, Chris/
Cap, Piotr (eds.) (2014) Contemporary Critical Discourse Studies. London: Bloomsbury, 67­96.

2 Siehe http://pf.fwf.ac.at/de/wissenschaft-konkret/project-finder/33284.

Triandafyllidou, Anna/Wodak, Ruth/Krzyanowski, Michal (eds.)
(2009), European Media and the European Public Sphere. Basingstoke:
Palgrave.

3Vergleiche www.google.com/intl/de_ALL/analytics/features/index.
html zu den Funktionen von Google Analytics. Es wurde darauf verzichtet (außer für eine Pilotstudie), ein Vergleichskorpus zu erstellen,
da unser Forschungsinteresse auf einen einzigen Begriff fokussiert war,
dessen statistisch signifikantere Verwendung durch eine Pilotanalyse
im Vergleich zur Verwendung im gleichen Zeitraum 2014 eindeutig
erwiesen war. Es geht ja bei dieser Untersuchung nicht um eine korpuslinguistische Studie, sondern um eine linguistisch fundierte Begriffs
geschichte.

Literatur:
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Vol.64: Identität? Welche Identität?

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