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Jüdisches Echo 2015

Seite 73 Jüdisches Echo 2015Auf die Rolle der Erziehung weist ein anderer Befragter
hin:
,,Ich glaube, Jude zu sein, durch meine Erziehung,
durch meine Gefühle, durch mein Verhalten."
Auf die Werthaltungen und die kulturellen Aspekte
weist die folgende Äußerung hin:
,,Das ist Familientradition: Es geht um die jüdische
Neschume. Wenn du eine jüdische Neschume hast, dann bist
du Jude." (Ältere Generation, männlich.)
Ad rigide Einstellung
Natürlich gibt es auch gegensätzliche Auffassungen. Ein
typisches Beispiel dafür ist die folgende Aussage:
,,Ich bin Jude, weil meine Eltern beide Juden sind. Es
geht natürlich gar nicht, dass jemand einfach sagt, er oder
sie sei jüdisch, weil es praktisch ist." (Junge Generation,
männlich.)
Ebenso rigid ist das folgende Statement:
,,Ich bin schon deshalb Jude, weil ich von einer jüdischen Familie abstamme. Und ich bin stolz darauf und
habe es nicht eine Sekunde bedauert. Andere erkenne ich
nur dann als jüdisch an, wenn sie den halachischen Bedingungen genügen. Ich mag es nicht, wie sie das in Amerika
handhaben." (Mittlere Generation, weiblich.)
Was erklärt nun diese unterschiedlichen Vorstellungen
von jüdischer Identität? Aufgrund der kleinen Stichprobe
gibt es hier keine eindeutigen Antworten. In drei der insgesamt interviewten Familien haben alle drei Generatio-

«Weder lässt sich sagen, dass die jüngere

Generation liberaler ist als die vorherigen,
noch lässt sich behaupten, dass dies für die
älteren Generationen mit Verfolgungserfahrung
zuträfe.»
nen gemeinsame Vorstellungen von jüdischer Identität:
In erster Linie hängt jüdische Identität mit dem eigenen Verständnis von Judentum zusammen und nicht
von biologischen oder religiösen Gegebenheiten. In der
Enkelgeneration neigen vier von zehn Befragten zu dieser liberalen Haltung, bei den anderen herrscht eher aufgrund oberflächlichen Wissens eine rigidere Position vor;
obwohl keine orthodoxen jungen Jüdinnen und Juden
befragt wurden, werden von diesen aus dem Gedächtnis
die halachischen Positionen zitiert, im Extremfall sogar
nur die Geburt, nicht aber Konversion als Kriterium für
jüdische Identität genannt.
Mit aller Vorsicht lässt sich jedenfalls sagen, dass das
Identitätsproblem nicht einfach beantwortbar ist: Weder lässt sich sagen, dass die jüngere Generation liberaler ist als die vorherigen, noch lässt sich behaupten, dass
dies für die älteren Generationen aufgrund der eigenen
Verfolgungserfahrung zuträfe. Am ehesten gibt es noch
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eine Entsprechung zwischen der Einstellung zur eigenen Identität und zur Bereitschaft, andere als Jüdinnen
oder Juden zu akzeptieren. Eine Liberalisierung der Einstellungen über die Generationen hinweg lässt sich aus
unserer damaligen Studie nicht schließen. Vielmehr ist
zu vermuten, dass Wertewandel in Bezug auf Identität,
ob dieser nun stattfindet oder auch nicht, nur auf einer
rein persönlichen Ebene und daher weniger sozialwissenschaftlich als psychologisch erklärt werden kann.
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1 An dieser Stelle mein Dank an Erika Wantoch, die die qualitativen
Interviews durchgeführt hat, und an Sabine Pohoryles-Drexel, die Koautorin der Publikation ,,Jewish Identity after the Holocaust. The Precarious Reconstruction of the Viennese Jewry from the Point of View
of Three Generations" (Sabine Pohoryles-Drexel und Pohoryles 1991).
Das Projekt wurde von der Oesterreichischen Nationalbank gefördert.
2 Im Folgenden geht es ausschließlich um europäische Jüdinnen und
Juden. Orientalische und post-sowjetische Jüdinnen und Juden haben
eine andere Tradition und andere geschichtliche Erfahrungen (Pohoryles-Drexel und Pohoryles 1994). Orthodoxe würden diese Unterscheidung mit Verweis auf die Halacha zurückweisen.
3 Letztere sind in Europa kaum präsent und stellen auch in den USA
und Israel kleine Minderheiten dar.
4 Dass dies bis heute nicht nur rein ideelle Konsequenzen hat, kann
man etwa am israelischen Einwanderungsgesetz (,,Law of Return") oder
an Eheschließungen sehen.
5 Ein wichtiger Hinweis: Die hier angeführten Zitate sind nur kleine
Ausschnitte komplexerer Aussagen. Die durchschnittlichen Interviews
dauerten rund neunzig Minuten.
Literatur:
Arendt, Hannah (1948), ,Die Verborgene Tradition.` In: dies. (1976).
Die verborgene Tradition. Acht Essays. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Brandt, Leon (Hg.) (1986), Abschied von Tewjes Welt. Köln:
Kiepenheuer&Witsch.
Buber, Martin (1943), Ein Land und zwei Völker: zur jüdisch-arabischen Frage. Hg. von Paul R. Mendes-Flor. 1. Aufl. Frankfurt am Main:
Jüdischer Verlag.
Epstein, Arnold Leonard (2006), Ethos and Identity: Three Studies in
Ethnicity. New Brunswick, N.J: Aldine Transaction.
Goldmann, Nachum (1983), Das Jüdische Paradox. Zionismus und Judentum nach Hitler. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt.
Pohoryles-Drexel, Sabine and Pohoryles, Ronald (1991), `Jewish Identity after the Holocaust. the Precarious Reconstruction of the Viennese
Jewry from the Point of View of Three Generations.' Innovation: The
European Journal of Social Science Research 4 (1): 65­106.
Pohoryles-Drexel, Sabine and Pohoryles, Ronald (1994), `Soviet Jews in Vienna: A Case Study.' European Transformations: Five Decisive Years at the
Turn of the Century: An Innovation Reader, 19881992, no. 1: 284­284.
Pohoryles, Ronald, und Wantoch Erika (1987), ,40 Jahre nach der Massenvernichtung.` Wien: ICCR mit Förderung der Oesterreichischen
Nationalbank.
Sartre, Jean-Paul (1948), Betrachtungen zur Judenfrage. Psychoanalyse
des Antisemitismus. Zürich: Europa Verlag.
Weiner, Rebecca (2015), `Who Is a Jew? | Jewish Virtual Library.' Jewish
Virtual Library. Accessed September 10. www.jewishvirtuallibrary.org/
jsource/Judaism/whojew1.html.

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