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Jüdisches Echo 2015

Seite 62 Jüdisches Echo 2015PFARRH O F E R H. / APA/ picturedesk . c o m

standene Kluft zur nicht-jüdischen Gesellschaft ­ abgenommen hatte und der Staat Israel nicht mehr als
Identitätsersatz diente, waren die psychologischen Hindernisse, sich in Wien zu Hause zu fühlen, beseitigt.
Gestärkt durch das neue Selbstbewusstsein als Juden in
Wien, baute die Wiener jüdische Gemeinde ihre Infrastruktur beträchtlich aus und öffnete sich ihrer nichtjüdischen Umwelt.
Zuwendung zur jüdischen Religion. Bleibt noch die
Frage, warum die jüdische Infrastruktur in Wien viel
ausgeprägter ist als die in Deutschland, obwohl beide
Gemeinden ihre Koffer gleichzeitig ausgepackt hatten
und obwohl es in Deutschland viel mehr Juden gibt und
die Unterstützung vom Staat proportional höher ist.
Die Abnahme der Zentralität der Schoah und Israels
hat zu einem Vakuum in der jüdischen Gruppenidentität geführt. In Wien wurde diese Leere durch die Zuwendung zur jüdischen Religion gefüllt, in Deutschland
nicht. Dies war der Hauptgrund für die unterschiedliche
Entwicklung der jüdischen Infrastruktur in Wien und
Deutschland und für das Aufblühen jüdischen Lebens in
Wien.
Die Entwicklungen innerhalb der Gemeinde waren
zum größten Teil durch die Änderung der Zentralität
der Religion in der jüdischen Gruppenidentität über die
Jahrzehnte und Generationen hinweg beeinflusst. Der
bedeutendste Faktor für die unterschiedliche Gewichtung der Religion in Wien und in Deutschland waren
die demografischen Entwicklungen in den jüdischen Gemeinden der beiden Länder.
1945 gab es weniger als 4000 Juden in Österreich.
Die meisten Wiener Überlebenden und Rückkehrer
identifizierten sich mit dem orthodoxen Judentum in
a
llen seinen Ausprägungen, während nur eine Minderheit der jüdischen Religion distanziert gegenüberstand.
In den frühen 1950er-Jahren schlossen sich der Gemeinde etwa 3000 DPs an, die nach Schließung der Lager im
Lande geblieben waren. Diese DPs waren hauptsächlich
religiöse und traditionelle orthodox-orientierte Juden
aus Mittel- und Osteuropa. In den späten 1950er- und
1960er-Jahren kam eine weitere Einwanderungswelle aus
Mittel- und Osteuropa nach Wien. Die größte stammte
aus Ungarn9 und bestand aus Juden, die sich mit den verschiedenen orthodoxen Strömungen im Juden um ident
tifizierten, von der modern-orthodoxen zionistischen
Misrachi bis zu den charedischen, eifernd anti-zionistischen Satmar Chassiden.
In den 1970er- und 1980er-Jahren haben sich ungefähr 3000 Juden aus der Sowjetunion ­ insbesondere aus den zentralasiatischen Republiken Buchara und
Georgien ­ in Wien niedergelassen. Die Mehrheit dieser Einwanderer waren traditionelle Juden. Heute gibt
es in Wien elf ortho oxe Gruppen und eine sehr kleine
d
progressive (Reformgemeinde). Die jüdische Bevölke-

Vol.64: Identität? Welche Identität?

rung ist daher in den letzten siebzig Jahren religiöser und
breiter gefächert geworden, was orthodoxe Ideologien
angeht, und ethnisch heterogener. Obwohl die Religion
eine wesentliche Rolle im Leben der Mehrheit der Wiener Juden spielte, war die politische Führung der IKG
bis Ende der 1970er-Jahre überwiegend nicht-religiös in
ihrer Einstellung und Handlungsweise. Erst in den IKGWahlen 1981 wurde eine Führung gewählt, für die die
Religion wichtig war.
In Deutschland sind 1945 rund 15.000 Juden geblieben. Eine kleine Minderheit der deutschen SchoahÜberlebenden und Rückkehrer war religiös; viele jedoch
waren assimiliert. Danach schlossen sich den Gemeinden
DPs und Einwanderer aus Mittel- und Osteuropa an,
besonders aus Polen. Sie waren orthodox-orientiert und
traditionell, aber nicht religiös. In den späten 1980erund 1990er-Jahren kam eine große Einwanderungswelle aus der ehemaligen Sowjetunion ­ insbesondere aus
Russland und der Ukraine. Die große Mehrheit dieser
Einwanderer hatte wenig bis kein Wissen über jüdische
Religion und Tradition. Dank dieser Immigration ist
die Zahl der in den Gemeinden registrierten Juden in
Deutschland zwischen 1989 und 2014 von 28.000 auf
100.500 gestiegen.
Auch die Gemeindeführung war und ist nicht religiös.
Demzufolge hatte die Gemeindeführung in beiden Ländern bis in die 1980er-Jahre nur ein Minimum
an Infrastruktur aufgebaut. Die Religion hatte in ihrer
Identität keine besonders zentrale Rolle gespielt und sie
hatten daher keinen Bedarf an mehr jüdischen Institutionen. In Wien bauten charedische Gruppen zusätzliche jüdische Institutionen auf, um ein streng religiöses
Leben, jüdische Erziehung und koschere Verpflegung zu
ermöglichen. In Deutschland gab es kaum religiöse Juden und daher auch keinen Bedarf an weiteren Institutionen. Der Mangel an jüdischer Infrastruktur hat aber
wiederum dazu geführt, dass sich keine religiösen Juden

Chanukka-Kerzenanzünden: Öffnung zur nicht-jüdischen Gesellschaft

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