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Jüdisches Echo 2015

Seite 61 Jüdisches Echo 2015oft von der Gemeindeleitung bestimmt), aus der jüdischen Gesellschaft ausgeschlossen und nicht mehr zur
Thora aufgerufen. 1969 beschlossen die Münchner und
die Frankfurter jüdischen Gemeinden sogar Folgendes:
,,Alle Spender des Solidaritätsfonds sollen (a) keine Einladung zu Veranstaltungen von Personen annehmen,
die nicht an der Solidaritätsaktion 1968 teilgenommen
haben und somit das jüdische Volk und den Staat Israel in Zeiten der Not in Stich gelassen haben, (b) nicht
deren Gesellschaft suchen, (c) nicht zu Versammlungen
gehen, zu denen diese Personen geladen sind, (d) dieser
Beschluss gilt auch für gesellschaftliche Ereignisse, die in
Israel oder im Ausland stattfinden"6. In Wien hat es keine
solchen Beschlüsse gegeben, aber das Spenden für Israel
wurde genauso ernst genommen. Für die Überlebenden
hat diese Spende auch dazu gedient, das schlechte Gewissen, in Österreich geblieben zu sein, zu beruhigen. Bei
der Nachkriegsgeneration ging es dann um das schlechte
Gefühl, nicht nach Israel ausgewandert zu sein. Es war
ein Ausdruck einer stark Israel-orientierten Identität.
Die Änderung kam in den 1980er-Jahren. Obwohl
die Nachkriegsgeneration weiterhin voll und ganz hinter Israel stand, hörte sie auf, dauernd über die Alija zu
reden. Nachdem sie nun schon dreißig Jahre in Wien
lebten, hörte es sich auch nicht mehr glaubwürdig an.
Wien wurde nicht mehr als Warteraum für die Auswanderung nach Israel gesehen. In einer Umfrage von 1964
in Deutschland gaben 73 Prozent der jüdischen Jugend
an, dass sie ihre Zukunft in Israel sehen, und nur acht
Prozent planten in Deutschland zu bleiben7. 1990 waren schon 56 Prozent der Juden in Deutschland mit der
Aussage, Israel wäre ihre wirkliche Heimat, nicht einverstanden8. Ich habe zwar keine Statistiken für Österreich
gefunden, da aber die Gemeinden in beiden Ländern die
gleiche Entwicklung durchgemacht haben, kann man
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«Israel spielt nicht mehr die zentrale Rolle in der
jüdischen Gruppenidentität, ist aber weiterhin ein
wichtiges Element. Der Staat Israel hat seinen
Ehrenplatz in den Herzen.»
Die bloße Existenz des jüdischen Staates stärkt weiterhin
das Selbstbewusstsein der Juden in Wien, für ihre Rechte
und gegen Antisemitismus und Rassismus anzukämpfen. Jedoch empfinden sie Israel heute nur noch als ihre
geistige Heimat und als sicheren Hafen, in den man im
Notfall unverzüglich auswandern kann, denn Wien ist
zu ihrer physischen Heimat geworden. Die Angehörigen
aller Nachkriegsgenerationen investieren zunehmend in
Wiener jüdische Institutionen und engagieren sich, jüdisches Leben in der Stadt zu stärken. Es hat sich auch ein
Paradigmenwechsel in der jüdischen Gemeinde vollzogen: Die Wiener Juden sehen Israel nicht mehr als die
einzige Quelle des Stolzes, der Kraft und des Selbstbewusstseins als Juden und fühlen sich daher nicht mehr
von Israel abhängig. Die Unterstützung Israels dient
heute nicht mehr der Beruhigung des schlechten Gewissens, sondern wird einzig als Mizwa (als Gebot ­ Anm.)
angesehen. Israel spielt nicht mehr die zentrale Rolle in
der jüdischen Gruppenidentität, ist aber weiterhin ein
wichtiges Element davon. Die Juden sehen sich nicht
mehr als potenzielle Israelis, jedoch hat der Staat Israel
weiterhin seinen Ehrenplatz in ihren Herzen.
Kurz zusammengefasst: Nachdem die Zentralität
der Erinnerung an die Schoah ­ und die dadurch entDASJÜDISCHEECHO

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Stadttempel in Wien: Doppelt so viele Synagogen wie in Berlin

annehmen, dass das Ergebnis dieser Umfrage auch die
Situation in Wien widerspiegelt. Die Nachkriegsgeneration begann nun schon an eine Zukunft in Wien zu
denken. Das wirkte sich unter anderem auf die Spenden
aus. Nachdem sie beschlossen hatten, in Wien zu bleiben, stieg der Bedarf an jüdischen Institutionen, und ein
zunehmender Anteil des Geldes wurde in die Wiener jüdische Gemeinde investiert.
Für die zweite Nachkriegsgeneration w1ar die Bindung an den Staat Israel schon ein weniger zentrales Element in ihrer jüdischen Gruppenidentität. Diese Generation sah die Existenz Israels schon als selbstverständlich
an. Israel war nicht mehr in seiner Existenz bedroht. Seit
dem ersten Libanonkrieg 1982 und der Zweiten Intifada
2000 zeigten die österreichischen Medien Israel permanent als den Angreifer, und dies hat die Einstellung und
Meinung der Nicht-Juden, aber auch der Juden beeinflusst. Diese Generation begann nun auch öffentlich die
Politik der israelischen Regierung zu kritisieren ­ jedoch
nicht die Existenz Israels infrage zu stellen. Israel wurde
jetzt als normaler und nicht mehr als idealer Staat angesehen ­ mit gesellschaftlichen und politischen Problemen
wie jeder andere Staat auch.

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