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Jüdisches Echo 2015

Seite 57 Jüdisches Echo 2015wickelt, und sie haben zur gleichen Zeit begonnen, sich
gegenüber der nicht-jüdischen Gesellschaft zu öffnen.
Dies geschah, obwohl die Politik der deutschen Regierungen gegenüber der jüdischen Gemeinde viel wohlwollender war als die der österreichischen Regierungen,
insbesondere bezüglich der Vergangenheitsbewältigung,
der jüdischen Zuwanderung und der finanziellen Unterstützung der jüdischen Gemeinden.
Während sich die Bundesrepublik Deutschland als
Nachfolgerin des ,,Dritten Reichs" bekannte und die
Verantwortung gegenüber den Opfern der Schoah auf
sich nahm, inszenierte sich Österreich als ,,erstes Opfer
Nazi-Deutschlands" und weigerte sich, Mitschuld einzubekennen und Mitverantwortung für die Schoah zu
übernehmen.
Mitte der 1980er-Jahre hat sich die Situation gedreht. In Deutschland hat der Historikerstreit zu einer
Relativierung des Schuldgefühls geführt, die Stellung der
Deutschen als Opfer der Alliierten thematisiert sowie die
Frage über die Rolle der Schoah in der deutschen Identität aufgeworfen. Die Waldheim-Affäre wiederum führte
zu einer neuen öffentlichen Diskussion über die Rolle
der Österreicher in der Schoah. 1991 hat Franz Vranitzky als erster österreichischer Bundeskanzler öffentlich
davon gesprochen, dass eine große Anzahl von Österreichern an der Nazi-Mordmaschinerie teilgenommen hat.
Kurz gesagt: Gerade als die österreichische Gesellschaft
begonnen hat, sich mit der Schoah auseinanderzusetzen,
haben die Deutschen versucht, mit diesem Teil ihrer Geschichte abzuschließen.
Trotz dieser Entwicklung ist die staatliche finanzielle
Unterstützung der jüdischen Gemeinden in Deutschland
viel höher als in Österreich. Der Zentralrat der Juden in
Deutschland wird mit zehn Millionen Euro3 pro Jahr gefördert, während die Israelitische Religionsgesellschaft in
Österreich nur 308.000 Euro und den Ersatz der jeweiligen Bezüge von 23 Bediensteten der Kultusgemeinden

erhält4. (In Deutschland werden die einzelnen jüdischen
Landesverbände und Gemeinde noch zusätzlich von den
Bundesländern und Städten finanziell gefördert.) Dennoch ist die jüdische Infrastruktur in Wien viel entwickelter als in Deutschland.
Was war nun ausschlaggebend für die Entwicklung
der Wiener jüdischen Gemeinde?
Die Antwort lautet: gemeinde-interne Entwicklungen, insbesondere Änderungen in der jüdischen Grup
pen dentität. Diese haben nicht nur das Gemeindeleben,
i
sondern auch die Beziehung der Juden zu ihrer nichtjüdischen Umgebung beeinflusst.
Der Begriff Gruppenidentität hat zwei Bedeutungen. Einerseits bezieht er sich auf das Gefühl, eine
Gruppe zu sein. Die Gruppenmitglieder fühlen, dass sie
wichtige Gemeinsamkeiten haben und dass diese sich so
sehr von jenen anderer Menschen unterscheiden, dass
sie eine eigenständige Gruppe bilden. Gruppenidentität bedeutet eine Zusammengehörigkeit zu den anderen
Gruppenmitgliedern und Abgrenzung von Mitgliedern
anderer Gruppen. Andererseits, im Sinne von ,,Identität
der Gruppe" bezieht sich Gruppenidentität auf die speziellen Merkmale wie Normen, Werte, Charakteristiken
und Ziele der Gruppe, die sie von der Umgebung unterscheiden. Die Merkmale der Identität der jüdischen
Gruppe umfassen nicht nur religiöse, sondern auch kulturelle, ethnische und historische Elemente. Gruppen
identität ist ein fortlaufender Bildungsprozess, der eine
Anpassung an sich wandelnde Realitäten ermöglicht. Sie
besteht einerseits aus dauerhaften Elementen und andererseits aus Elementen, die sich im Laufe der Zeit ändern
oder entwickeln, oder neuen Elementen, die unter besonderen Umständen entstehen (z.B. die Erinnerungen
an die Schoah und die Bindung zum Staat Israel, welche
vor 1945 beziehungsweise 1948 nicht existierten).
Im Bezug auf die Wiener und deutschen Gemeinden haben drei Elemente der Gruppenidentität die Entwicklung der Gemeinden ausschlaggebend beeinflusst:
(1) die Erinnerungen an die Schoah, (2) die Bindung
zum Staat Israel und (3) die Religion. Die unterschiedlichen Entwicklungen dieser Elemente in den letzten siebzig Jahren haben die Wiener und deutschen jüdischen
Gemeinden zu dem gemacht, was sie heute sind.

Kanzler Franz Vranitzky (Mitte, mit weißer Kippa) 1993 in Jerusalem

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krieg sind die Erinnerungen an die Schoah zum Bindeglied zwischen den Überlebenden geworden. Die assimilierten Juden teilten jetzt eine gemeinsame jüngere Vergangenheit mit ihren jüdischen Landsleuten, die schon
immer eine starke jüdische Identität hatten. Auch die
verschiedenen nationalen und religiösen Gruppen innerhalb der Displaced Persons (DP), welche vor der Schoah
aufgrund der kulturellen Unterschiede und Unstimmigkeiten in religiösen Angelegenheiten oft keinen Kontakt
miteinander hatten, entwickelten nun ein Gefühl der
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Erinnerungen an die Schoah. Nach dem Zweiten Welt-

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