< Seite 55
Seite 57 >

Seite 56

Jüdisches Echo 2015

Seite 56 Jüdisches Echo 2015nicht als eine bewusste Entscheidung. Sie saßen auf
,,gepackten Koffern", konnten sich keine Zukunft für
Juden in Wien vorstellen, versprachen sich selbst und
ihren Freunden immer wieder, Wien so bald wie möglich zu verlassen. Sie fühlten sich als Fremde in der Stadt,
blieben aber trotzdem.
Heute fühlen sich die Wiener Juden in Wien ,,zu
Hause" und beabsichtigen zu bleiben ­ solange Österreich eine Demokratie bleibt, die die Sicherheit ihrer jüdischen Bevölkerung vor dem steigenden linken, rechten
und islamischen Antisemitismus schützen kann und will.
Die Wiener Juden haben ihre Koffer ausgepackt. Die leeren Koffer wurden jedoch in Reichweite verstaut, um sie
im Notfall schnell wieder packen zu können. Antisemitische Tendenzen werden genau beobachtet, aber Wien
wird trotzdem als Heimat betrachtet.

um aus Wien eine attraktive Stadt für die Wiener Juden
und Juden aus der ganzen Welt zu machen. Denn es ist
der Wunsch der IKG, junge intellektuelle Juden anzuziehen, um die kleine jüdische Gemeinde zu stärken.
Die jüdische Infrastruktur in Wien ist heute umfangreicher als in anderen europäischen Städten mit einer größeren jüdischen Bevölkerung, wie z.B. Berlin.


BerlinWien

Bevölkerung

ca. 11.000

ca. 8000

9

18

3 + 1 Gymnasium

5

Synagogen (a)
Schulen (b)

Lebensmittelgeschäfte
und Bäckereien

5

Fleischhauer

­4

Restaurants

310

10

Jüdische Infrastruktur. Dieses Gefühl, ,,zu Hause" zu

sein, hat sich direkt auf die jüdische Infrastruktur in
Wien ausgewirkt.
Bis in die späten 1970er hat die IKG nur für ein Minimum an religiösen und gesellschaftlichen Institutionen,
die für die körperlichen und geistigen Bedürfnisse der Gemeinde notwendig waren, gesorgt. Ein großer Teil der jüdischen Infrastruktur wurde von den charedischen1 Gruppen errichtet. Sie war jedoch gerade ausreichend: Es gab an
koscheren Geschäften eine Bäckerei, einen Fleischhauer
und ein Lebensmittelgeschäft. Die IKG hat auch keine jüdische Schule errichtet und hatte dies auch nicht vor.
1952 hatte die IKG das Versteck der Lehrmittel ihrer Vorkriegsschule entdeckt, welches viele wertvolle Bücher, gut ausgestattete Chemie- und Physiklabors, eine
Sammlung an Mineralien und anderen Gegenständen
beinhaltete, die als Grundlage für eine neue Schule hätten dienen können. Anstatt sie für den Unterricht der jüdischen Kinder in Wien zu verwenden oder aufzubewahren, wurde die gesamte Ausstattung nach Israel verschifft,
als Geschenk an das israelische Unterrichtsministerium.
Viele an die IKG restituierte Immobilien wurden von
dieser um geringe Beträge veräußert, manche an Behörden sogar fast verschenkt.
Heute gibt es in Wien fünf Schulen (Zwi-PeresChajes-Schule, Lauder-Chabad-Schule, Knaben- und
Mädchen-Talmud-Thora-Schulen von Machsike Hadass
und die Talmud-Tora-Schule der Agudas Israel) sowie die
Wiener Jeschiwa, die berufsbildende Schule JBBZ, die
Fachhochschule Lauder Business School und weitere Bildungsinstitutionen.
2008 wurde der IKG-Campus errichtet. Mit seinen
auffallenden Gebäuden und modernsten Einrichtungen
ist er ein sichtbares Zeichen für das erstarkte Selbstbewusstsein der Wiener Juden als Juden in Wien, deren
Wunsch es ist, ein sichtbarer Teil der Wiener Gesellschaft
und kulturellen Landschaft zu sein und, was am wichtigsten ist, ein blühendes jüdisches Leben aufzubauen,
Vol.64: Identität? Welche Identität?

(a) In Berlin sind viele Synagogen die meiste Zeit fast leer. Von der
Synagoge Oranienburger Straße ­ dem Symbol der Renaissance des
Judentums ­ wurde nur die Fassade und die Kuppel wieder aufgebaut
und nicht der Hauptraum der Synagoge. Heute beherbergt die Synagoge
Büros der jüdischen Gemeinde, ein Museum über das jüdische Leben
in Deutschland vor dem Krieg und nur einen kleinen Betraum. Siehe
auch den Beitrag von Svetlana Boym (29.4.1966­5.8. 2015) über die
Neue Synagoge Berlin in ,,Das Jüdische Echo", Vol. 63.
(b) Während an den jüdischen Schulen in Wien nur jüdische Kinder lernen, werden an der Berliner Heinz-Galinsky-Schule und dem Jüdischen
Gymnasium Moses Mendelssohn auch nicht-jüdische Kinder unterrichtet (am Gymnasium sind 40 Prozent der Schüler keine Juden).

Auch das jüdische Leben in Wien ist viel lebendiger und
sichtbarer. Charedische Juden in ihrem traditionellen
Gewand und modern-orthodoxe Juden mit Kippot auf
den Straßen Wiens ­ insbesondere im ersten und zweiten Bezirk ­ zu sehen ist nicht ungewöhnlich. In Berlin
und anderen Städten Deutschlands ist es eine Seltenheit.
Szenen, wie die deutlich sichtbare Zusammenkunft am
Donaukanal von charedischen, modern-orthodoxen und
traditionellen Juden in ihrem Feiertagsgewand für das
Taschlich-Gebet zu Rosch Haschana, haben keine Parallelen in Deutschland.
Was hat zu diesem Aufblühen der Wiener
jüdischen Gemeinde geführt?
Ein Vergleich mit der jüdischen Gemeinde in Deutschland2 hat gezeigt, dass innerstaatliche politische und
gesellschaftliche Entwicklungen die Gemeinden zwar
beeinflusst haben, dass jedoch diese Einflüsse nicht ausschlaggebend für deren Wiederaufbau waren.
In Österreich und Deutschland haben die Juden zur
gleichen Zeit, in den frühen 1980er-Jahren, begonnen,
ihre Koffer auszupacken und sich ,,zu Hause" zu fühlen.
Ihr Selbstbewusstsein als Juden hat sich gleichzeitig ent55

zurück zum Anfang von "Jüdisches Echo 2015"