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Jüdisches Echo 2015

Seite 53 Jüdisches Echo 2015Ehe sie dorthin gelangten, befanden sie sich lange Zeit
in der Alten Synagoge am Fischerplatz, dort, wo jetzt die
Autobahn über die Neue Brücke die Stadt durchschneidet. Das Bauwerk ­ man mag es hässlich finden oder als
Demonstration des Fortschritts in der KP-Zeit sehen ­
verbindet seit 1968 Petrzalka mit dem alten Kern von
Bratislava. Um Platz für die Brücke zu machen, wurden
1968 die Alte Synagoge nahe dem Martinsdom und
mehr als 220 Gebäude im ehemaligen jüdischen Viertel
unterhalb der Burg gesprengt. Ob das damalige Regime
mit diesem Akt bereitwillig in Kauf genommen hat, dass
damit auch die jüdische Identität der Stadt vergessen
wurde, oder dies sogar als Nebeneffekt erwünscht war,
fällt in den Bereich der Spekulation.

«Die Engerau-Prozesse in Österreich ­ das Volk
saß zu Gericht: Ermittelt wurde gegen siebzig
Personen. Insgesamt wurden neun Todesurteile
verhängt und auch vollstreckt.»
Der Direktor des jüdischen Gemeindemuseums, Maros
Borský, geboren 1974 in Bratislava, lässt sich darauf
nicht ein, ebenso wenig wie auf die Frage nach dem
Antisemitismus heute. In den Nachkriegsjahrzehnten
habe man sich sehr wohl mit der NS-Zeit beschäftigt,
aber die Zeit sei aus einer bestimmten Optik heraus
betrachtet, ideologisiert und instrumentalisiert worden,
meint Borský. Verschwiegen wurde etwa, dass Pilsen von
der US-Armee befreit wurde oder dass tschechoslowakische Flieger in der Royal Air Force gekämpft hatten.
Der slowakische Nationalaufstand von 1944 ­ ein von
Teilen der slowakischen Armee getragener bewaffneter
Aufstand gegen die Okkupation der Slowakei durch die
deutsche Wehrmacht und gegen das slowakische Kollaborationsregime unter Jozef Tiso ­ sei nur aus KP-Sicht
bewertet worden. Geehrt wurde die Unterstützung
durch sowjetische und slowakische Partisaneneinheiten
und durch Freiwillige aus anderen Ländern, nicht aber
die Beteiligung anderer bürgerlicher Bewegungen, die
Teil des Aufstands waren. Sie werden erst seit 1989 in
die Erinnerung einbezogen.
,,Und auch die Geschichte des Lagers Engerau war
aus politischer Sicht während der KP-Zeit nicht zu verwenden", sagt Borský: ,,Ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter auf einem Territorium, das nicht Teil der Tschechoslowakei, sondern von den Deutschen besetzt war,
Täter, die aus Wien kamen ... das konnte man nicht für
das nationale Narrativ benutzen!"

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Und so habe man sich gar nicht damit beschäftigt. Der heutige Stadtteil Petrzalka wurde erst 1946 Teil von Bratislava.
Dessen Bevölkerung, überwiegend ungarisch-deutsch,
wurde zum Großteil kurz nach dem Zweiten Weltkrieg
vertrieben: ,,Es gab keine Kontinuität, keine Tradierung
dessen, was inmitten der Gemeinde geschehen war!" Dass
in den 1960er-Jahren dort eine der größten Plattenbausiedlungen gebaut wurde, trug zum Vergessen bei.
Und das, obwohl es auf dem Friedhof von Engerau
neben den Massengräbern 13 Individualgräber und ein
Mahnmal gab, das Mitte der 1950er-Jahre errichtetet worden war und auf dem ein Teil der Opfernamen eingraviert
ist. Vielleicht wollte all die Jahre niemand so genau wissen,
welche Geschichte diese Orte und Steine erzählen? Kuretsidis-Haider bezieht das Mahnmal jedes Jahr im März in
ihr Gedenken an die Opfer ein: ,,Engerauhat nicht zur
slowakischen Identität gehört, weil es etwas Fremdes war:
Die Opfer waren ungarische Juden, und eben Juden. Die
Ereignisse waren daher für die nicht-jüdische slowakische
Bevölkerung (und damit für die überwiegende Mehrheit)
nicht von Interesse. Die Täter wiederum waren Österreicher und somit ebenfalls Fremde."
Vor österreichischen Volksgerichten gab es zwischen
1945 und 1955 insgesamt sechs Engerau-Prozesse. Die
Prozessakten hat Kuretsidis-Haider für ihre im Studienverlag publizierte Dissertation ,,Das Volk sitzt zu Gericht
­ Österreichische Justiz und NS-Verbrechen am Beispiel
der Engerau-Prozesse" aufgearbeitet. Ermittelt wurde
gegen siebzig Personen. Insgesamt wurden neun Todesurteile verhängt und auch vollstreckt. Die zu lebenslänglicher bzw. 19-jähriger Haft verurteilten Täter wurden
später vorzeitig freigelassen.
Obwohl es der größte Verfahrenskomplex der österreichischen Volksgerichtsbarkeit war, gab es auch im
nur 65 Kilometer entfernten Wien bis zur Aufarbeitung
durch die Historikerin so gut wie keine Erinnerung an
Engerau.
Der Verdrängungsmechanismus habe ähnlich wie in
der Slowakei funktioniert, sagt Kuretsidis-Haider: ,,Dass
die Opfer ungarische Juden waren, kennzeichnete sie als
Fremde. Dass die Täter Österreicher waren, galt es zu
verdrängen ­ wie es hierzulande ohnehin jahrelang der
Mainstream war."
So wie Borský hofft nun auch sie, dass die EngerauAusstellung in der Synagoge von Bratislava den Anstoß
für ein grenzüberschreitendes Gedenken und Erinnern
geben möge:
,,Die Herausbildung eines transnationalen Gedächtnisortes in der Region könnte künftig einmal einen
identitätsstiftenden Charakter in beiden Ländern haben,
dazu ist aber noch viel Arbeit nötig."
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