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Jüdisches Echo 2015

Seite 39 Jüdisches Echo 2015Doch ein halbes Jahrhundert später wurde die Fabrik in
Hernals, die beträchtlich gewachsen war, ,,arisiert" und
ein Großteil der Familie ermordet. So ist ,,Ewigkeitsgasse" ein großes Buch über das vollständige Gelingen
und vollständige Scheitern der jüdischen Assimilation in
Wien. Und die Stadt kann sich heute noch so bemühen:
Sie wird nie wieder zurückgewinnen, was sie aus eigener
Schuld verloren hat. Aus Fritz Mandelbaum wurde Fred
Morton, und alles war anders geworden ­ nicht alles.
Morton hat mir von einer Tante erzählt, die ebenfalls
nach New York fliehen konnte. Die stammte jedoch aus
der Josefstadt. Diese Tante war regelmäßige Besucherin
der Met, und einmal stand zur Diskussion, ob sie ein
Abonnement gemeinsam mit Frederic Mortons Mutter
nehmen sollte. Das aber hat die Josefstädterin abgelehnt.
Einer Bekannten erklärte sie, warum: Sie könne doch
nicht mit einer von außerhalb des Gürtels gemeinsam in
die Metropolitan Opera gehen.
Frederic Morton zuzuhören war ein Vergnügen.
Seine Geschichten waren gescheit und witzig, er sprach
ein wundervolles Deutsch, bei dem ihm gelegentlich ein
Wort fehlte, hat aber seinen Hernalser Dialekt nie vergessen. Seinen letzten Vortrag, zwei Tage vor seinem plötzlichen Tod, hat er erstmals deutsch geschrieben und nicht
aus dem Englischen übersetzt, wie er meiner Frau und
mir stolz erzählte. Darin ging es auch um einen Sprachvergleich zwischen den USA und Hernals, wobei Hernals
gewinnt: ,,Shut up, you idiot!" ist entschieden schwächer
als ,,Halt die Goschen, Depperter!".
In diesem letzten Vortrag beschrieb er zwei Arten
des Exils, die ihm widerfahren waren. Das erste, abrupte
war die Vertreibung aus Wien, und das zweite, schleichende war das Altwerden. Zuerst wollte er es nicht
wahrhaben. ,,Und musste dann auf einmal erfahren, dass

ich unwiderruflich, unwidersprechbar, unbestreitbar und
ganz offensichtlich nicht mehr 19, sondern neunzig Jahre
alt war."
Leicht hat er sich damit nicht getan. Fast bis neunzig ist er die neun Stockwerke in seinem Wiener Hotel
grundsätzlich zu Fuß gegangen. Und wenn sich das nicht
oft genug ergeben hat, ist er mit dem Lift hinuntergefahren, um wieder hinaufzugehen, mehrmals. Warum er
hinunter den Lift nimmt, habe ich ihn einmal gefragt.
,,Ich hab's ein bissel mit dem Knie", hat er geantwortet,
Stiegen steigend. Sportlich durchtrainiert war er bis zum
Schluss. Da hat ihn seine Kindheit geprägt.

Mayerling-Film mit Catherine Deneuve und Omar Sharif:
Background-Infos von Morton

Dieser Nachruf ist zunächst im ,,Spectrum" der ,,Presse"
vom 2.5.2015 erschienen.

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Keine Versöhnung, aber doch Nähe

DASJÜDISCHEECHO

Arte

Wie sehr ihn seine Kindheit geprägt hat, dem ist er in
diesem letzten Vortrag über zweierlei Exil nachgegangen.
Und gerade in diesem Vortrag, zwei Tage vor seinem Tod,
ist er Wien so nahe gekommen wie vermutlich seit der
Vertreibung nicht: ,,Denn die Jugend ist ja unsere biologische und psychologische Heimat. Dort kennen wir uns
aus. Und wenn auch unsere nostalgische Erinnerung die
Sonne scheinen lässt, wo es damals dunkel war, sind wir
doch mit dem Trug und den Tücken der Jugend vertraut
und wissen, wie wir mit Gut und Schlecht in diesem
Heimatland leben können." Es klingt wie ein Vermächtnis: keine Versöhnung, die war nicht möglich, aber doch
trotz ,,dunkel", ,,Trug und Tücken" in der Jugend eine
Nähe, die ihm durch Jahrzehnte unmöglich schien, eine
wiedergewonnene Vertrautheit, die er früher abgelehnt
hätte. Und es war sicher nicht die rührselige Nachsicht
eines Greises, wenn er das sagte, denn Rührseligkeit lag
ihm fern. Er konnte allerdings tief berührt werden durch
Freundschaft, und er hat auch in Wien wieder Freunde
gefunden, denen er vertraute. Das war wichtig für ihn.
Und Greis war er keiner, obwohl über neunzig.
Die späte öffentliche Anerkennung, die Ehrungen
in der Stadt, aus der er vertrieben worden war, haben ihn
gefreut. Das war sicherlich eine Genugtuung. An Rückkehr hat er allerdings nie gedacht. Er kam immer nur
auf Besuch, wenn er eingeladen wurde. Nun hat sich der
Kreis geschlossen, und er ist gestorben, wo er geboren
wurde: in der verlorenen Heimat. Die ihn gut kannten,
wissen es: Er war nicht nur ein bedeutender Schriftsteller,
er war ein wunderbarer Mensch, warmherzig, humorvoll, gescheit und gebildet, ein großartiger Geschichtenerzähler, ein engagierter Linker, dabei offen und immer
noch voll Neugier. Er war ein weiser alter Jude ohne
Gott. Man soll das nicht leichtfertig sagen, aber diesmal
stimmt es: Die Welt ist ärmer geworden ohne ihn. 2

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