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Jüdisches Echo 2015

Seite 26 Jüdisches Echo 2015die, den Kopf voller Bücher, aus Europa kamen, und ihre
wehrhaften Kinder und Enkel, die sich in Landwirtschaft
und Kriegsdienst vervollkommneten. Die Großmutter,
die von Bord geht, sich umschaut und dekretiert: ,,Die
Levante ist voller Mikroben." Die Nacht, in der der
achtjährige Amos aus dem Fenster klettert und sich der
atemlos-stummen Menschenmenge zugesellt, die an einem einzigen Radio der UN-Abstimmung in New York
lauscht, die zu einem eigenen Land führen wird ­ das
gleich am nächsten Tag von den Arabern angegriffen
wird.
Dieses Buch war das Missing Link, nach dem ich,
ohne es zu wissen, gesucht hatte. Es war eine dieser Lektüreerfahrungen, die man nie mehr vergisst. Als ich die
letzte Seite las, dachte ich verzweifelt, ich kann ohne dieses Buch nicht leben, und fing wieder von vorne an. Seit
dieser obsessiven Zweifachlektüre habe ich es bei mir, im
Kopf. Ich treffe in Israel überall Menschen, die zu diesem
Buch passen, die diesem Buch zu entstammen scheinen,
ich treffe Menschen, die ich mein Leben lang zu kennen
meine und mit denen ich mir wünsche, den Rest meines
Lebens befreundet zu sein. Es ist ein perfektes Buch, ein
ewiges Lieblingsbuch. Seit diesem Buch ist Israel kein
fremdes Land mehr, kein Mond und keine Mutprobe,
obwohl es für uns Mitteleuropäer natürlich gelegentlich
sehr orientalisch und verrückt wirkt. Und wie jedes gute
Buch ist es ein Gegengift zu dem Eindimensionalen, das
aus den Nachrichten schallt, das aus der Politik schallt,
die mit einer zwanghaften Logik Vorgänge verteidigt, die
seit so vielen Jahren nur immer tiefer ins Desaster führen.
Gleich bei meinem ersten Aufenthalt in Israel habe
ich jedenfalls etwas gemacht, das vom Vatersystem her
(nur nicht auffallen!) eigentlich streng verboten war: Ich
habe mir beim Juwelier Miller auf der Dizengoff einen
Magen David gekauft, für viel Geld, aus purem Gold.
Es war Liebe auf den ersten Blick, ich musste ihn haben,
weil er irgendwie ,,crooked" aussieht ­ mir fällt kein passendes Wort auf Hochdeutsch ein, nur auf Süddeutsch,
,,schepps", oder auf Wienerisch, ,,verwoartagelt". Die
beiden Dreiecke sind nicht gleichschenklig, sondern
haben eine lange Spitze. Außerdem sind sie nicht ineinander zum Stern verwoben, sondern liegen aufeinander,
wie zusammengeklebt, übereinandergeschichtet. Der
eine besteht aus glattem Gold, der andere aus gestrahltem. Um ihn an eine Kette zu hängen, gibt es keinen
Ring, sondern man schiebt die Kette an der Seite durch,
durch eines der beiden Dreiecke. Dadurch hängt er, wie
er will, mal kopfüber mit der langen Spitze nach unten,
mal richtig herum, stabil, wie ein kleines Haus. Es ist ein
wahrlich geniales Stück, Philosophie zur Form geschmiedet, all die Fragwürdigkeiten meiner Identität in Gold.
Natürlich hat es gelegentlich zu Auseinandersetzungen geführt, dieses Goldstück, das ich seither so sichtbar
am Hals habe. Mein Vater schüttelte nur unglücklich
den Kopf. Er hat es nicht offen gesagt, aber ich weiß, was
Vol.64: Identität? Welche Identität?

er denkt: Er fürchtet, dass ich deswegen von Antisemiten
attackiert werden könnte. Ein alter Freund der Familie,
ein Linker, Jude und berühmter Lyriker, machte ironisch
,,Ts, ts", als er ihn sah. Ich habe ihm erspart, mir dieses
,,Ts, ts" genauer zu erklären.
Ein nicht-jüdischer Freund in Deutschland sagte, er
habe grundsätzlich etwas gegen zur Schau getragene religiöse Symbole. Ich musste ihm unwillkürlich recht geben, antwortete aber trotzig, ich trüge es nicht als religiöses, sondern als politisches Symbol. Susanna, meine Tel
Aviver Freundin, die mich damals ermutigt hatte, den
Stern zu kaufen, lachte schallend, als ich ihr von diesem
Dialog erzählte. Eine solche Antwort, sagte sie, mache es
für viele doch noch schlimmer.
Aber meistens wird dieses Schmuckstück, das ich
seit neun Jahren fast immer trage, gar nicht als das erkannt, was es ist. Natürlich, Juden erkennen es immer.
Aber in Mitteleuropa sagen die Leute oft nur: ,,Einen
schönen Anhänger haben Sie da."
Übrigens ist es mit meinem Namen dasselbe. Denn
,,Menasse" wird in Europa üblicherweise nicht als jüdischer Name erkannt. Als jüdische Namen gelten Rosenstrauch und Herschkowitz, Rothschild und Grünbaum,
aber wenn einem hier zu dem uralten hebräischen Namen ,,Menasse" überhaupt etwas einfällt, dann, dass es
vielleicht Französisch sei. Nur in Israel werde ich danach
gefragt. Erst letztens wieder: Am Ausreiseschalter, die
strenge Grenzbeamtin, der ich meinen österreichischen
Pass reichte. Sie las den Namen, stutzte, sah auf und fragte, ob ich mit einem Israeli verheiratet sei. Nein, sagte ich
lächelnd, leider nicht. Das ist mein eigener Name, der
Name meines Vaters.
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Der Beitrag von Eva Menasse wurde mit freundlicher
Genehmigung von Autorin und Verlag dem Buch ,,Wir
vergessen nicht, wir gehen tanzen" entnommen.

Lesetipp:
Norbert Kron, Amichai Shalev (Hg.)
Wir vergessen nicht,
wir gehen tanzen
Israelische und deutsche Autoren
schreiben über das andere Land
S. Fischer, Frankfurt am Main 2015
www.fischerverlage.de

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