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Jüdisches Echo 2015

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DASJÜDISCHEECHO

I llustratio n : C risto bál Schmal

istisch, nicht altruistisch, man schafft das einfach nicht.
Ich kenne Männer, die mit gerade achtzehn aus ihrem
mitteleuropäischen Zuhause weggelaufen sind, um im
Jom-Kippur-Krieg zu kämpfen, und die das später ihren
Kindern nie erzählt haben. Weil sie inzwischen alles dafür tun, dass ihre Kinder nicht auf ähnliche Gedanken
kommen. Das unterscheidet sie von den Israelis, die ihre
Söhne und Töchter in die Armee und damit in den möglichen Tod schicken, deshalb geben sie insgeheim und
schuldbewusst allen recht, die sie für eine mindere Kaste
halten. Und deshalb wird man von ihnen so gut wie nie
ein öffentliches Wort der Kritik hören, egal wie destruktiv und idiotisch sich die jeweilige israelische Regierung
auch gebärdet und wie sehr sie den Interessen aller schadet, die sich für die ganze Region eine sichere und friedliche Zukunft wünschen (insbesondere den Interessen der
gequälten israelischen Eltern).
Mit Mitte dreißig also war ich das erste Mal in Israel. Kurz vor der Landung hat mich mein Unbewusstes
gnadenlos überfallen. Ich war, wie bei jeder x-beliebigen
Reise, von unklarer Neugier und Vorfreude erfüllt. Das
Wetter war gut, das Flugzeug kam über das Meer, ich
saß auf der richtigen Seite und auf einmal tauchte hinter ein paar flaumigen Wolken Tel Aviv auf, die weiße
Stadt, die leicht geschwungene Küstenlinie. Da packte
mich das Unbewusste auf einmal brutal am Hals und
schüttelte mich durch, und ich dachte hysterisch hunderte Male hintereinander den völlig banalen Satz: ,,Es
gibt es wirklich. Israel gibt es wirklich." Denn in diesem

Moment stürzten die verschiedenen Konzepte von Israel
in eins zusammen: Das mythische Israel meiner Kinderbibel mit David und seiner Steinschleuder, Samsons abgeschnittenen Haaren, Daniel in der Löwengrube und
Jonas im Walbauch; das schießende, rauchende Israel aus
den Nachrichten, das nur aus grimmigen Soldaten zu bestehen scheint; das überzeitliche Israel, in dem ,,nächstes
Jahr" Pessach zu feiern man einander verspricht, dieses
Traum- und Sehnsuchtsland, das wohl die meisten Juden
irgendwo in sich tragen, auch solche, die bloß einen jüdischen Vater haben. Da lag es, ganz einfach, am Mittelmeer. Ich kann es nicht besser beschreiben, es war wie ein
Schock. Ein schöner und bestürzender Schock, dessen
Bedeutung ich noch immer nicht ganz ermessen kann.
Der erste Mensch, mit dem ich auf israelischem Boden sprach, ist seither eine meiner besten Freundinnen.
Das deutsche Goethe-Institut hat mir die gebürtige Wienerin Susanna Stern geschickt, damit sie mich vom BenGurion-Flughafen abholte, und das hat sie in einem viel
weiter gehenden, in einem allumfassenden Sinn getan
und tut es weiterhin. Wann immer ich sie brauche, holt
sie mich in und für Israel ab.
Im Sommer 2010 (Iran-Krise) haben wir zusammen
ihre über neunzigjährige Mutter in einem Altersheim in
Bat Jam besucht. Die alte Dame öffnete die Tür mit den
Worten: ,,Heute haben sie neue Gasmasken verteilt."
Als sie mein schockiertes Gesicht sah, tätschelte sie mir
den Arm und sagte: ,,So schlimm wie in Berlin 45 wird
das hier sowieso nicht." Als ich mich auch von diesem
Satz halbwegs erholt hatte, fragte ich: ,,Wieso Berlin?
Ich habe geglaubt, Sie waren in Auschwitz?" Sie lächelte und erklärte, dass sie Anfang 1945 in eine Berliner
Rüstungsfabrik geschickt worden sei und dort die letzten Kriegswochen erlebt habe, im Dauerbombardement.
,,Der Golfkrieg war nichts dagegen", bekräftigte sie und
servierte Spinat, wie man ihn in Österreich macht, wo
auch sie geboren ist. ,,So einen Spinat kriegt man in ganz
Israel nicht", sagte sie zufrieden, ich stimmte zu und versuchte, nicht an die nagelneuen Gasmasken zu denken,
die an ein Hochhaus voller Holocaust-Überlebender ausgegeben worden waren.
Überall in Israel gibt es diese subkutanen Verbindungen zu Europa, in die Geschichte hinein, so grotesk und schmerzhaft sie, wie in diesem Fall, auch sein
mögen. Österreichischer Spinat und Gasmasken. Dazu
vergnügte Furchtlosigkeit. Ich halte mich an ihnen fest,
an den Gemeinsamkeiten und Überschneidungen, die
so inexistent scheinen, wenn man bloß in Deutschland
die Medien konsumiert, wenn man bloß aus der Ferne
betulich besorgt auf einen ,,Brandherd" schaut, mit entsichertem moralischen Zeigefinger. Und deshalb liebe ich
unter all den vielen großartigen israelischen Romanen
,,Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" am meisten, dieses Jahrhundertwerk von Amos Oz, das die beiden Teile so unnachahmlich vereinigt, die blassen Juden,

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