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Jüdisches Echo 2015

Seite 23 Jüdisches Echo 201522

lig sein Deutsch vergessen, die Muttersprache, plötzlich
Feindessprache, die auf englischen Straßen zu sprechen
unerwünscht und gefährlich war.
Und dann, neun Jahre später, alles zurück auf Start.
Krieg vorbei, Eltern wiedergefunden, man sollte jetzt
wieder glücklicher Österreicher sein. Es ist eine Charakterfrage, ob einer nach einer solchen Erfahrung beschließt, zum skeptischen Widerständler gegen jede Art
von gesellschaftlichem Konsens zu werden, oder ob er
wünscht, sich rückstandsfrei in der Mehrheitsgesellschaft
aufzulösen. Mein Onkel, sein älterer Bruder, gehörte zur
ersten, mein Vater zur zweiten Gruppe. Und ich bin endlich erwachsen genug, das einfach so stehen zu lassen,
ohne Vorwurf.
Leider war aber auch Österreich, mein Heimatland,
strukturell wie mein Vater: Indem es die Vergangenheit
durch Beschweigen ungeschehen zu machen versuchte.
Von Seiten der Täter ist das aber nicht zu tolerieren. Gegen diese schrecklich bequeme Vergesslichkeit kämpften Familienmitglieder, Freunde und viele politisierte
Studenten, die ich aus der Ferne bewunderte. In den
Achtzigerjahren, als ich ein junges Mädchen war, wirkte es wie der aussichtslose Kampf einer aufgebrachten
Minderheit, die von der Mehrheit verhöhnt und diskreditiert wurde. Aber spätestens mit der Waldheim-Affäre
1986 ging ein Riss durch das ganze Land, auch mitten
durch die Familien. Mein Vater, im trotzigen Gefühl,
dass hier der Falsche zum Sündenbock gemacht werde,
stimmte für Waldheim und brachte den Rest der Familie
damit an den Rand des Kontaktabbruchs. Die üblichen
politischen Schreiereien wurden persönlicher und verletzender.
Auch außerhalb der Familie wurden die Motive jedes Einzelnen kritisch geprüft ­ von beiden Seiten. Es
war mit einem Mal immens wichtig, zu welcher Seite
man gehörte und warum. Und es gab nur zwei Seiten,
pro oder contra: für Österreich als erstes Opfer Hitlers
und Waldheim als verfolgte Unschuld, oder gegen Österreich und Waldheim, weil das eine ein Täterland und der
andere ein Kriegsverbrecher war. Nichts dazwischen, keine Graustufen, man hatte sich trennscharf zu entscheiden ­ ich erwähne das, weil mich die vereinfachende,
verdummende Unerbittlichkeit dieser Frontstellung an
aktuelle Frontstellungen erinnert.
Damals machte ich die Erfahrung, dass es ­ den einen wie den anderen gegenüber ­ einfacher war, irgendeine grundlegende Überzeugung hervorzukehren anstatt
familiäre Betroffenheit.
Denn damals erklärte mir ein jüdischer Studienkollege, nachdem er mich gründlich über die religiöse Zugehörigkeit meiner Vorfahren examiniert hatte, dass ich, da
ich keine jüdische Mutter habe, zum Rabbi gehen müsste und lernen und leiden und mich wirklich anstrengen
und viel Geld bezahlen, um dann ,,richtig" überzutreten
­ wenn es mir denn ,,so wichtig wäre". ,,Nein, nein", sagDASJÜDISCHEECHO

I llustratio n : C risto bál Schmal

auf mich selbst stoßen, wie ich versuchen würde dazuzugehören, versuchen würde, jüdischer zu sein, als ich bin.
Erst musste ich mir meiner selbst halbwegs sicher sein.
Und das war in Österreich wahrlich schwer genug.
Die Signale waren widersprüchlich. Irgendetwas war anders mit uns, und das hatte mit meinem Vater zu tun.
Gleichzeitig war gerade mein Vater der vollmundige
Beschwörer einer absoluten, allumfassenden Normalität. Alles ist normal, es geht uns gut, ,,danke, alles bestens", mit seiner Lieblingsformel. Mein Vater, der als
Achtjähriger in einen Zug gesetzt und in England von
fremden Menschen großgezogen worden war, hatte nach
seiner Rückkehr, nach dem mühsamen Sprachunterricht
zur Wiedererlangung seiner Muttersprache, den vitalen Wunsch, nie wieder aufzufallen. Es gibt die schöne
Anekdote, wonach seine erste Frau, die Mutter meines
Bruders, ihn bat, dem Kind doch Englisch beizubringen. Mein Vater soll das mit den Worten abgelehnt haben: ,,Zwei Menschen müssen in dieser Familie perfekt
Deutsch lernen: Mein Sohn und ich."
Vielleicht ist diese Anekdote übertrieben, aber die
Essenz von Wahrheit liegt ja sowieso nicht in der Akkuratesse, sondern in den Geschichten, die übrig bleiben.
Und mein Vater wollte nicht auffallen, nie mehr. An die
Zeit der Verfolgung in Wien kann er sich kaum erinnern.
Er kann sich allerdings daran erinnern, wie es war, mit
Scharlach in einem englischen Krankenhaus zu liegen
und kein Wort von dem zu verstehen, was die Ärzte und
Schwestern zu ihm sagten. Aus Überlebenswillen hat dieses Kind nicht nur blitzschnell Englisch gelernt, wurde
nicht nur innerhalb weniger Monate zum Klassenbesten
(das Niveau der englischen Grundschulen, sagt er, sei allerdings inferior gewesen), sondern hat auch bereitwil-

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