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Jüdisches Echo 2015

Seite 19 Jüdisches Echo 2015mehr zurück in das Land, das seine wenigen Juden in die
Emigration gezwungen hatte.
Arnak wurde als 13-Jähriger mit einer Maschine
aus Kairo nach Wien verschickt. Unbegleitet. Die zwei
älteren seiner vier Schwestern hatten diesen Weg schon
vor ihm zurückgelegt. Aspé und Mané wohnten in einem
von Klosterschwestern geführten Mädchenpensionat im
19. Bezirk, zur Schule gingen sie ins Lycée. Auch Arnak.
Die Eltern blieben noch lange in Kairo. Der Vater, Dr.
Zareh Madghashian, hatte ein florierendes pharmazeutisches Unternehmen gegründet, das nach der 1952 erfolgten Machtergreifung Nassers verstaatlicht wurde.
Als die neuen Machthaber auch die Schulen unter ihre
Kuratel stellten, beschloss er, die Kinder nach Europa zu
schicken. Es waren enge Freunde Zarehs aus seiner Studienzeit in Lausanne, die für ihren Unterhalt in Wien
aufkamen. Ägyptischen Staatsbürgern war die Geldausfuhr verboten.

«Ihre polnischen Pierogi schmecken genau
so gut wie ihre israelisch-libanesischen Falafel
oder die armenische Pizza. Zu den drei ,,Muttersprachen" sind weitere dazugekommen.»
Zareh war abgehärtet. Er hatte sich als Kind allein aus
der Türkei nach Ägypten durchgeschlagen. Vom Todesmarsch durch die Wüste 1915 war ihm eine dicke Narbe
von einem türkischen Peitschenschlag am Rücken geblieben. Die Eltern kamen um.
Arnaks Mutter war untröstlich über die Trennung
von den Kindern. Sie entstammte der alteingesessenen
armenischen Familie Jakubian und hatte vor ihrer Heirat
ein Medizinstudium in Kairo begonnen. Als wir heirateten, lebten Arnaks Eltern nicht mehr.
Alice wuchs mehrsprachig auf. Mit mir sprach sie
deutsch, mit ihrem Vater armenisch, mit der Kinderfrau
und meinen Eltern polnisch. Wie uns der Kinderarzt vorausgesagt hatte, brachte sie auf diese Weise die drei Sprachen niemals durcheinander.
Wenn sie abends zu Bett gebracht wurde, sagte sie
mit der Kinderfrau das polnische Vaterunser auf, wonach
Arnak an ihr Bettchen ging und armenisch mit ihr betete. Wenn dann ich zum Gutenachtkuss kam, leuchteten
ihre Augen. ,,Mama nein Amen", rief sie aus und klatschte in die Hände.
Wir beschlossen, auch sie ins Lycée zu schicken.
Nach langen Diskussionen stand auch fest, dass Alice
in den jüdischen Religionsunterricht gehen würde. Für
Arnak als armenisch-orthodoxen Christen war nur wich-

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tig, dass sie nicht ohne Gott aufwächst. Ich wiederum
wollte nicht, dass auch sie ,,ohne Bekenntnis" bleibt und
wie ich auch unter den ,,Insrigen" eine Fremde bleibt.
Aus den Lycée-Jahren in Wien und Prag sind Alice
wichtige Freunde geblieben. Die muslimische, syrischslowakische Izabelle gehört genauso dazu wie der bucharisch-jüdische Arik oder Georges, dessen Eltern als
Christen in den 1970er-Jahren aus dem bürgerkriegsgeschüttelten Libanon auswandern mussten.
In ihren Bewerbungsschreiben für diverse Hochschulen stellte sich Alice als ,,mixed salad" vor. Pessach,
Rosch Haschana und Jom Kippur gehören genauso zu
ihrem Leben wie das armenische Weihnachtsfest am 5.
Jänner. Ihre polnischen Pierogi schmecken genauso gut
wie ihre israelisch-libanesische Falafel oder die armenische Pizza Lachmadschun. Und zu ihren drei ,,Muttersprachen" sind inzwischen noch Französisch, Englisch,
Spanisch, Tschechisch und rudimentäres Arabisch dazugekommen.
Zu Arnaks Sechziger flogen wir nach Armenien, in
die Heimat seines Vaters, von der er nur wusste, dass nirgendwo anders Wassermelonen so süß und Schafkäse so
würzig waren. In der Kathedrale von Etschmiadsin, dem
Sitz des geistigen Oberhaupts der Armenischen Apostolischen Kirche, zündete auch Alice eine Kerze an. Ihr Vater
weinte.
Onkel Harry, der die Gräuel der Konzentrationslager als Volksschüler erlebte, wählte einen anderen Weg
als meine Eltern und ich. Schon bald nach dem Krieg
wurde er von meinem damals schon verwitweten Großvater zu dessen Schwester in die USA geschickt. In New
York lernte Harry, als Jude wieder ,,aufrecht zu stehen",
wie er sagt. Er lebt inzwischen in Düsseldorf und in Palma de Mallorca und unterstützt da wie dort die jüdische
Gemeinde. Hätte er Kinder gehabt, wäre er als traditionsbewusster Jude nach Israel gegangen. Nur dort gebe
es eine angstfreie Zukunft ­ allen Bomben aus der feindlichen Nachbarschaft zum Trotz.
Am Jom haSchoah 2006 legte Onkel Harry als
Mitbegründer und Mitfinanzier des privaten universitären ,,Interdisciplinary Center Herzliyah" (IDC) in einer
berührenden Rede den Studenten ans Herz, niemals in
Schwarz-Weiß-Kategorien zu denken. Es habe in den
Jahren des Naziterrors auch gute Deutsche gegeben ­
und unanständige Juden, unterstrich er.
Auch in Österreich, wo die Gräber meiner Urgroßmutter, meines Großonkels, meiner Eltern, meiner
Schwester und meiner kleinen Nichte sind, kenne ich inzwischen nicht-jüdische Menschen, die mein Jüdischsein
verstehen. Sie bestärken meine Hoffnung, dass ,,wir" hier
trotz wachsender Israel-Kritik und antisemitischer Ausfälle zu Hause sind.
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