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Jüdisches Echo 2015

Seite 15 Jüdisches Echo 2015gewählt, sondern Yair Lapid, und zwar nicht, weil ich sein
Programm so genau kenne, sondern weil ich seinen Vater
persönlich gekannt habe. Aber die Enkelkinder meiner
Cousine Anna Somlo aus Netanya, die Enkelin bis vor
einigen Monaten Soldatin, der Enkelsohn zurzeit Soldat,
haben Netanjahu gewählt. Die demokratische Mehrheit
habe ich natürlich zu respektieren, aber die Regierung und
viele ihrer Schritte darf ich kritisieren, und wenn ich sie für
falsch halte, ist das kein Antisemitismus. Israel ist ein Staat
wie alle anderen geworden, es ist gut, dass es ihn gibt. Wie
er mit seiner Umgebung fertig wird, macht mir selbstverständlich größere Sorgen als die Lage auf den Falklandinseln, in Myanmar oder sonst irgendwo auf der Welt,
aber seine Regierung darf man genauso kritisieren wie jede
andere Staatsführung auf der Welt.
Sie haben mich verstanden
Mein Judentum ohne Rücksicht auf die Thora und Eretz
Israel? Rational kann ich es nicht erklären, aber eine aus
dieser Tatsache abgeleitete Botschaft hätte ich schon. Wir
haben sehr viele eigene Probleme zu bewältigen, aber sehr
wesentliche gelöst. Es ist wichtig, auch für uns lebenswichtig, an andere zu denken. Bis vor wenigen Monaten habe ich nicht einmal gewusst, dass es Jesiden gibt.
Sie hatten und sie haben keine Lobby. Wie viele Völkergruppen oder Glaubensgemeinschaften, die verfolgt
werden und vernichtet werden sollen, gibt es noch? Für
die sollten wir uns gerade aufgrund unserer Erfahrung
einsetzen. Gesteinigt, geköpft, bei lebendigem Leibe verbrannt oder öffentlich ertränkt werden ist ­ mir sei es
erlaubt, so etwas Schreckliches zu sagen ­ ein schlimmerer, weil langsamerer Tod, als im Gas zu ersticken. Und
das geschieht täglich, stündlich. Anstatt der Diktatoren
wie Saddam Hussein oder Muammar al-Gaddafi sind in
ihren Ländern keine Demokratien entstanden, sondern
das Verabscheuungswürdigste, das man sich vorstellen
kann, und wir sind mitschuldig.
In meinem Exjugoslawien sind Konzentrationslager
ge aut worden, haben Massenmorde und Massenvergeb
waltigungen stattgefunden, trotz aller Schwüre ,,Nie wieder". Und Barack Hussein Obama, im Voraus mit dem
Friedensnobelpreis ausgezeichnet, hat sein Versprechen
noch nicht eingehalten, das Konzentrationslager Guantánamo aufzulösen.
Habe ich jede Hoffnung aufgegeben? Nein, nein, nein.
Im Oktober des vergangenen Jahres wurde ich von einem
Belgrader Gymnasium eingeladen, um als Zeitzeuge
über Konzentrationslager und den Holocaust zu referieren. Ich nehme solche Einladungen immer an, halte

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es für meine Verpflichtung als Überlebender, bin jedoch
aufgrund meiner Erfahrungen skeptisch, ob es viel Sinn
macht. Ein halbes Jahr später wurde ich eingeladen, eine
Performance in einem kleinen Theater zu besuchen, die
die Schüler, die mir zugehört hatten und auch vorher
und nachher die Problematik kennenlernen wollten, vorbereitet hatten.
Beim Eintreten in den Theatersaal lagen vor uns 21
halbnackte junge Mädchen und Burschen in derselben
Pose neben- und übereinander, wie sie von den Fotos der
Toten von Bergen-Belsen bekannt ist. Und da lagen sie
eine Viertelstunde lang, ohne sich zu rühren, mir schien,
ohne zu atmen. Als alle Besucher Platz genommen hatten, begann es.

«Sie flüsterten, redeten, tanzten und sangen
weiter, erwähnten die nicht gebauten oder
vernachlässigten Denkmäler und Mahnmale der
Todeslager, die es auch in Belgrad gibt.»
Zuerst sagten sie, den Namen Hitlers kenne jedermann,
aber die Namen der Autoren der Menschenrechtskonvention der UNO niemand. Dann fragten sie das Publikum, wie es möglich gewesen sei, sechs Millionen Menschen umzubringen, und begannen zu zählen, eins, zwei,
drei und so weiter, und unterbrachen sich und sagten,
wie lange man zählen müsse, um bis zu sechs Millionen
zu gelangen, geschweige denn sechs Millionen Morde zu
begehen. Schlag auf Schlag flüsterten, redeten, tanzten
und sangen sie weiter, erwähnten besonders auch die
nicht gebauten oder vernachlässigten Denkmäler und
Mahnmale der Todeslager, die es auch in Belgrad gibt,
und klagten ihre Vorfahren an, auf die sie nicht stolz sein
könnten. Ich fragte mich, wie so eine Veranstaltung dramaturgisch mit einer Katharsis, mit einem Höhepunkt
beendet werden könne.
Und dann schrien sie auf. Sie schrien, kreischten,
brüllten, heulten, jammerten eindringlich, schrecklich,
auf unbeschreibliche Art und Weise. Dieser Aufschrei,
den 21 Mädchen und Burschen, an die siebzig Jahre
jünger als ich, ausstießen, war mein eigenes Wehklagen
wegen der ermordeten Eltern, das Todesröcheln von uns
allen, die die Zeit des Bösen nicht überlebt haben, die
wir verstummt sind, weil wir nicht mehr wissen, was wir
noch sagen sollen, oder weil man uns ermordet, erschlagen, erstickt hat. Sie haben mich verstanden.
Ja, es hat einen Sinn, seine Erfahrung weiterzugeben. Das war und ist noch meine Lebensaufgabe eines
Zeitzeugen aufgrund meiner jüdischen Identität.
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