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Jüdisches Echo 2015

Seite 149 Jüdisches Echo 2015«Dunkelheit unter mir, über mir, links und
rechts. In der Dunkelheit über meinem Kopf
Sterne. Unter mir Wellen. In der Dunkelheit hinter
mir Schreie. In meiner Dunkelheit Stille.»
Wenn wir aber Krieg und Elend nicht aussperren können, wie sollen wir damit umgehen, dass Krieg und
Elend stattfinden, dass sie existieren, im Endeffekt mitten unter uns? Ein tägliches Elend, das sich an unseren
Grenzen bricht wie Wellen am Kai. Hokusais Welle, das
übereinandergetürmte Furchterregende einer drohenden
Überflutung ist eines der emotionalen Bilder, die evoziert
werden, wenn man in die Medien blickt und manchen
Politikern zuhört. Dieses Bild hält der Wirklichkeit nicht
stand, aber der Schaden ist bereits geschehen. Da spielen
sich beschämende, bedrückende Szenen ab: in Österreich
beamtlich. Im Mittelmeer hingegen hochdramatisch.

Italiens Marine rettet Flüchtlinge: Sterben im Mittelmeer

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Das subjektiv emotionale Bild der Bedrohung der
Hokusai-Welle wird in zweiter Ausbaustufe argumentativ versachlicht, indem zwischen lupenreinen und den
sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen unterschieden
wird. Die Grenzen sind allerdings auch hier fließend.
Denn wer die gefährliche Reise über das Mittelmeer in
Kauf nimmt, der ist verzweifelt. Dessen Leben verläuft
in solch furchtbaren Konstellationen, dass die ungewisse
Fahrt in Booten, die auseinanderzubrechen drohen, trotz
aller davor untergegangenen Schiffe nicht unsicherer
erscheint. Wer Menschen, die so verzweifelt sind, dass
ihnen das Ertrinken ein ebenso großes Risiko ist wie das
Verbleiben in ihrem Land, zu ,,Wirtschaftsflüchtlingen"
abstempelt, hat nicht begriffen, um was es geht. Viele
werden das Ufer nie erreichen. Wir gewöhnen uns an
Bilder von Leichensäcken und toten Kleinkindern im
Sand der Mittelmeerstrände. An die Lastwägen mit verwesenden Leichen haben wir uns noch nicht gewöhnt.
Leihen wir uns eine Stimme, die anderes sagt als
Zahlen und Tabellen.
,,Dunkelheit unter mir, über mir, links und rechts.
In der Dunkelheit über meinem Kopf Sterne. In der
Dunkelheit unter mir Wellen. In der Dunkelheit hinter
mir Schreie. In meiner Dunkelheit Stille. Meine Lippen
sind aufgesprungen, weil ich zu viel geredet habe, früher
einmal habe ich gerne und viel geredet. Im Boot habe
ich begriffen, dass das Reden Silber, das Schweigen aber
Gold ist. Durch mich gewonnen, durch mich geronnen.
So viel Sand auf dem Weg, genug für viele Sanduhren,
deren Zeit läuft und läuft und steht immerzu still, am
gleichen Fleck wie beim Beginn, und die Schulden werden nicht weniger und nicht weniger. Manchmal werfen
die Bootsführer uns ohne Vorwarnung ins tiefe Wasser,
das haiverseucht ist, und schließen Wetten ab, wer von
uns es bis zum Ufer schafft. Der, der auf mich gesetzt
hat, hat gewonnen. Der andere hat gelacht. Und gezahlt.
Alles muss man bezahlen. Vor allem die Hoffnung. Und
es wird ein Schiff, werden neue Menschen kommen, im
stillen Dunklen übers Meer ..."
Und noch eine andere Stimme, ebenso geliehen wie
die erste.
,,Feuerschein hinter mir. Schweigen in mir und Stille
rundum. Das eine Kind an einer Hand, das andere im Arm,
der Bub geht vor. Vorsichtig. Rucksack schneidet ein, ist
schwer, die ganze Vergangenheit zusammengeschnurrt auf
einen Rucksack, und die will man nicht loslassen, irgendwas muss man festhalten, sonst wird man zu leicht, und
immer leichter, ausgedünnt von Geschichte, bis man halb
durchsichtig ist und dann ganz weg. Der Rucksack verankert mich auf fremder Erde, die wir unter unseren Füßen
weiterschieben, wir stoßen uns ab wie Schlittschuhläufer
stoßen wir uns ab, und gleiten, gleiten aus dem Bekannten
ins Ungewisse, und es ist kalt, wie beim Schlittschuhlaufen, aber kein heißes Teeglas in unseren Fingern, die ich
kaum noch spüre, weder meine noch die vom Kind.
DASJÜDISCHEECHO

I talian N av y /dpa / picturedesk . c o m

neuen Landteppichen, Kontinente rückten näher. Die
Globalisierung hat unsere Welt entscheidend und irreversibel verändert. Kolonialgeschichte zeichnete übergreifenden Gewinn und übergreifende Ausbeutung vor. Viele
Migrationswege der Jetztzeit wurden auf diese Art und
Weise bereits in unserer Vergangenheit angelegt. Wir vergessen das immer wieder gerne. Wer weltweit billig Wasser aufkauft, um es um ein Vielfaches weiterzuverkaufen,
wer behauptet, Menschen hätten gar kein Menschenrecht
auf Wasser, der sät Sturm und wird Sintflut ernten. Und
nach wie vor kommen Menschen übers Meer, nicht weil
sie wollen, dass sie es bequemer haben. Sondern weil sie
leben wollen. Überleben. Es ist nicht mehr so weit weg wie
früher, das Sterben. In Lastwägen in Österreich ist dieses
Sterben schon angekommen, jenes Sterben, das seit Jahren im Mittelmeer seinen Platz bezogen hat: zwischen den
Ausflugsschiffen und den Badenden.

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