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Jüdisches Echo 2015

Seite 140 Jüdisches Echo 2015geben. Dazu holte er im Buch ebenfalls dokumentierte
­ Aussagen zum Leben vor der Flucht, zur Emigration
selbst und zum Neuanfang in Amerika ein. Und er fragte
die Porträtierten nach ihrer Identität: wie sie zu ihrer ehemaligen Heimat stehen.
Etliche Gesprächspartner, darunter die ­ inzwischen
mit 94 verstorbene ­ Biologin Edith Harnik, erzählten
Hofer von einer behüteten Kindheit in den bürgerlichen
Bezirken Wiens. Die Katastrophe begann aus der Sicht
damaliger Kinder, wie der späteren Goldschmiedin Trudy Jeremias, ganz plötzlich, etwa damit, dass die Schulfreundinnen nicht mehr mit ihnen sprachen. Dann ging
es Schlag auf Schlag: Nach dem ,,Anschluss" im März
1938 wurden so mancher Vater verhaftet, darunter jener
des damals achtjährigen Martin Karplus (eines späteren
Chemie-Nobelpreisträgers). In dieser Phase war es noch
möglich, Gefangene durch Bezahlung hoher Summen
oder die Überschreibung von Häusern und Betrieben

«Allen Kindern gemeinsam war in der Zeit nach
der Flucht gewesen, dass sie sich blitzartig an
die neue Umgebung anpassen und die englische
Sprache alltagstauglich erlernen mussten.»
herauszuholen. Andere Väter, wie der von Lisl Steiner,
schickten ihre Familie ins sichere Ausland, weil sie nicht
wollten, ,,dass ihre Frau im Pelzmantel Latrinen putzt".
Lisl Steiner kam zunächst nach Argentinien und später
in die USA, wo sie zur bekannten Fotografin wurde, die
Persönlichkeiten wie Fidel Castro und Jacqueline Kennedy ablichtete.
Manche Familien ­ wie die von Karplus tarnten ihre Ausreise als ,,Skiurlaub in der Schweiz", andere schickten ihre Sprösslinge per Kindertransport in die
Freiheit oder ließen sie, wie Edith Kurzweil (später eine
herausragende Sozialwissenschaftlerin), von bezahlten
Fluchthelfern in Sicherheit bringen.
Bruno Goldstein und sein Zwillingsbruder Jacky,
1938 dreijährig, entkamen nur knapp dem Verderben:
,,Sie haben Zwillinge, verschwinden Sie", habe ein Gestapo-Mann seinen Vater angeherrscht. Die Familie ging

Fotos vorhergehende Seiten:
S. 132 oben: Lisl Steiner, Eric Pleskow,
S. 132 unten: Hans Weiss, Edith Harnik
S. 133 oben: Trudy Jeremias, Martin Kaplus,
S. 133 unten: Bruno Goldstein, Edith Kurzweil
S. 134 Lisl Steiner, S. 135 Eric Pleskow,
S. 136 Hans Weiss, S. 137 Edith Harnik
S. 138 oben: Trudy Jeremias, Martin Kaplus,
S. 138 unten: Bruno Goldstein, Edith Kurzweil

Vol.64: Identität? Welche Identität?

nach Belgien, die Buben überlebten in einem (christlichen) Waisenhaus. Nach dem Krieg übersiedelten ihre
Eltern mit ihnen in die USA, wo beide zu Zivilingenieuren ausgebildet wurden.
Katastrophal endeten die Fluchtpläne für die Familie von Franz Leichter, der in den USA Anwalt und
Politiker wurde: Seine Mutter, die prominente Sozialdemokratin Käthe Leichter, fiel am Abreisetag der Gestapo
in die Hände. Sie wurde in Ravensbrück ermordet.
Allen Kindern gemeinsam war in der Zeit nach der
Flucht, dass sie sich blitzartig an die neue Umgebung anpassen mussten. Selbst jene, die Englisch gelernt hatten,
rangen nach Worten und verblüfften, wie Edith Harnik,
ihre Umwelt mit der Frage nach einem ,,dust-sucker",
wenn sie einen Staubsauger meinte. Durch die Bank erzählen sie aber, dass sie sich ­ als Kinder ­ sehr rasch
eingewöhnten, während viele Ältere ohne die gewohnte
Umgebung verkümmerten. Von manchen, etwa einem
gleich nach dem Krieg für das österreichische Konsulat
tätigen Anwalt, hieß es, dass sie ,,Wien innerlich nie verlassen" hätten.
Einige, wie der spätere Hollywood-Filmproduzent
Eric Pleskow, kehrten 1945 als US-Soldaten ins zerstörte Nazi-Deutschland zurück. Etliche Familien kamen in
den 1950ern als Urlauber ins geliebte Salzkammergut
und wunderten sich über die Anwesenheit vieler jüdischer Gäste. (,,Im Sommer sind wir keine Antisemiten",
bekam Edith Harnik zu hören.) Hans Weiss, Sohn engagierter Sozialisten, wurde in den USA Unternehmer und
war später Fremdenführer im Big Apple. Er betrachtet
sich aber weiterhin als ,,Wiener, der in New York lebt"
und gern in die alte Heimat fährt. Es mache ihn ,,happy",
im Türkenschanzpark spazieren zu gehen.
Nicht wenige Emigranten wollten jedoch keinesfalls
persönlich testen, ob sich die Österreicher wirklich zum
Besseren verändert hatten. Sie blieben fern, schätzten
aber weiterhin die Kultur ­ bis zu neueren Protagonisten
wie Thomas Bernhard.
Die meiste Zeit waren sie aber beschäftigt, sich als
Flüchtlinge in einem neuen Land eine erfolgreiche Existenz aufzubauen. Und dafür, so fasst es Eric Pleskow zusammen, ist eines nötig: ,,You need a lot of luck."
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Text: Erhard Stackl

Lesetipp:
Meinrad Hofer
Witness. Realities of forced
emigration 1938­1945
Nachwort von Lisa Silverman
Kehrer Verlag, Heidelberg 2015
www.kehrerverlag.com

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