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Jüdisches Echo 2015

Seite 125 Jüdisches Echo 2015immun gegen die westlichen Glücksvorstellungen aus
ihren Kinderzimmern aufbrechen, um in den ,,Heiligen
Krieg" zu ziehen. Ninotschka hat ausgedient. Die Verführungskraft des ,,Westens" ist dahin. Das ist ein tiefer
gehender Vorgang als das Scheitern von Integration im

sozialtechnischen Sinn. Es ist das Verwerfen von dem,
was für die Vorherrschaft des Westens zentral war. Es ist
das Verwerfen seines Traums. Seine Überlegenheit war
nicht einfach eine ökonomische oder militärische. Die
Überlegenheit des Westens war wesentlich eine mentale:
die Verführungskraft einer Glücksvorstellung.
Mit dieser Verwerfung wurde eine neue Demarkationslinie gezogen: ein ,,clash" der Kulturen, der gar nichts
mit jenem von Samuel Huntington zu tun hat. Sie erinnern sich an seine Prognose vom ,,Kampf der Kulturen"
als dem neuen Paradigma der Weltgeschichte nach dem
Ende des Kalten Krieges. Die Frage sei, so Huntington,
nicht mehr: Auf welcher Seite stehst du?, sondern: Wer
bist du?
Wenn heute fanatisierte Männer mit Allahu-akbar*Rufen die Redaktion des Satiremagazins ,,Charlie Hebdo" exekutieren; wenn heute Mörder jüdische Kunden
eines Supermarkts im Namen des Islams schlachten;
wenn heute in der ganzen Welt junge Leute ihr Leben
aufgeben wollen, um in den Dschihad zu ziehen ­ dann
ist das kein ,,Kampf der Kulturen". Jedenfalls nicht in
dem Sinn, dass hier ,,der" Westen und ,,der" Islam aufeinanderprallen würden.
Ja, wir leben heute in einer akuten Situation. Und
genau deshalb ist es so zentral, sich klarzumachen, wo
die Demarkationslinie genau verläuft. Wo verläuft die
Linie, die unsere Gesellschaften spaltet? Die neue Front
(und eine solche ist es), diese Front verläuft nicht zwischen ,,dem" Westen und ,,dem" Islam. Sie verläuft nicht
zwischen Kulturen. Auch nicht zwischen Religionen. Ja,
sie verläuft nicht einmal zwischen Säkularen und Gläubigen. Sie trennt nicht Abendland und Morgenland ­ das
glauben nur die Leute von Pegida. Sie verläuft noch nicht
einmal zwischen islamophoben Rassisten und Islamisten. Das macht die gegenwärtige Situation so unübersichtlich: Der Frontverlauf folgt nicht der deklarierten
Demarkationslinie. Der deklarierte Gegner ist nicht
der wirkliche Gegner. Gerade das hat das Horrorattentat auf ,,Charlie Hebdo" klargemacht. Ebenso wie 2011
das ­ spiegelverkehrte Horrorattentat des Norwegers
Anders Breivik. Die Islamisten haben nicht auf Rassisten
geschossen. Ganz im Gegenteil. Und Breivik hat nicht
auf Moslems geschossen. Ganz im Gegenteil. Rassisten
und Islamisten sind nicht einander bekämpfende Feinde,
sondern Rivalen. Die Opfer aber sind Karikaturisten und
Juden (heute) und junge Sozialdemokraten (damals) ­
denn das ist der wahre Feind für beide Seiten. Ihr wahrer
Feind ­ das ist die plurale, die offene, die liberale Gesellschaft. Diese befindet sich in einem Zangengriff. Sie wird
von zwei Seiten angegriffen.
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Es ist ein politisches Gebot der Stunde, den Verlauf der gesellschaftlichen Spaltung genau zu markieren.
,,Kampf der Kulturen" ­ das ist heute keine Analyse, sondern selbst eine parteiische Position. Denn ,,Kampf der
Kulturen" unterstellt, die akuten Bruchlinien würden
entlang von Religionen und Ethnien verlaufen. Tatsächlich aber verläuft die Front durch alle Kulturen und Religionen hindurch.
Was hier so hasserfüllt, was hier so mörderisch gegeneinander antritt, das sind nicht Kulturen. Was uns
trennt, ist vielmehr die Art, wie wir unsere Kulturen leben. Was uns trennt, ist die Art, wie wir unsere Identität
bewohnen. Die Art, wie wir unsere Religion leben. Die
Demarkationslinie verläuft entlang der Frage: Pluralismus oder nicht Pluralismus? Das ist die Kernfrage unserer Zeit.
Pluralismus ist keine Ansammlung von unterschiedlichen Kulturen und Religionen. Es ist nicht einfach
eine Addition, wo etwas Neues zu einem Bestehenden
hinzukommt ­ zu den Österreichern dann die Türken,
die Jugoslawen oder eben die Moslems. Pluralisierung ist
kein äußerliches Verhältnis. Ob man will oder nicht: Sie
verändert alle alte Einheimische und neue.
Jede Identität steht heute neben anderen Identitäten. Jede Religion steht neben anderen Religionen. Oder
neben Atheismus. Jeder weiß heute, dass seine Bestimmtheit nur eine Option unter anderen ist. Die entscheidende
Frage dabei ist: Leben wir unsere Religion plural ­ also im
Wissen darum, dass sie nur eine Möglichkeit unter anderen ist ­ oder leben wir sie nicht plural? Bewohnen wir
unsere Identität offen, als eine Option neben anderen,
oder bewohnen wir sie als geschlossene, als abgeschottete
Identität? Die entscheidende Frage lautet also nicht: Wer
bist du?, sondern: Wie stehst du zu dem, was du bist? Wie
stehst du dazu, Österreicher, Türke oder Tschetschene zu
sein? Wie lebst du dein Christentum, dein Judentum, wie
lebst du deinen Islam oder deinen Atheismus?
Das Wissen um den Anderen, das Wissen um die anderen Möglichkeiten ­ dieses Wissen ist nicht rein rational. Es ist vielmehr ein emotionales ,,Wissen", eine Affektlogik. Deshalb wird dieses Wissen vor allem durch Bilder
transportiert. Auf beiden Seiten. Bilder sind das zentrale
Medium in der Auseinandersetzung zwischen pluraler und
antipluraler Welt. Deshalb sind all jene, die mit Bildern
arbeiten, so gefordert. Wie sie. Filmemacher, Künstler,
Satiriker, Karikaturisten ­ sie alle stehen plötzlich an der
Front. Sie alle stehen vor der Frage: Welche Bildpolitik betreiben wir? Welche Bilder produzieren wir ­ und welche
nicht? Horst Bredekamp, der Kunsthistoriker, sagte kürzlich: Das Zeitalter des Postheroismus ist vorbei.
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Aus der Festrede, die Isolde Charim im Jänner 2015 anlässlich
der Verleihung des 5. Österreichischen Filmpreises der Akademie des Österreichischen Films im Wiener Rathaus hielt.
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