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Jüdisches Echo 2015

Seite 112 Jüdisches Echo 2015Jeden Morgen um halb sieben macht Avi sich auf den
Weg nach Frankfurt, um pünktlich um neun Uhr in der
Synagoge zu sein; anschließend studiert er in der dortigen Religionsschule; dreimal in der Woche geht er zur
Traumatherapie. Kurz nach seiner polizeilichen Anmeldung erhält er Post: Das iranische Konsulat in Frankfurt
lädt ihn zu einem Gespräch ein. Avi ist alarmiert: Die
Iraner kennen seine Adresse! Beim Bundeskriminalamt
(BKA) rät man ihm hinzugehen. Man sagt ihm: ,,Wenn
sie dich umbringen wollen, warum schreiben sie dann?"
Erst nach der zweiten Einladung der Iraner lässt das BKA
seine Personalangaben in allen öffentlichen Registern
sperren. Doch die Iraner bleiben stur. ,,Ihren dritten Brief
mit Beschimpfungen gegen die Juden schickten sie mir,
zu meiner Synagoge, zum Pfarramt, das mich betreute ­
insgesamt an acht Adressen." Die Polizei fordert Avi auf,
alle Kontakte mit Menschen abzubrechen, die ihn unter
seiner alten Identität gekannt haben.
Trotz dieser Bedrohungen und seiner schlechten
Gesundheit setzt sich Avi unermüdlich für seine Eltern
ein. Eines Tages im März 2011 klingelt sein Handy. Es
sind Exil-Iraner aus den USA. Sie sagen: ,,Deine Eltern
wurden hingerichtet." Avi ist eine Woche lang ,,wie weg".
Der Pastor alarmiert die Polizei, die ihn ins Krankenhaus
einliefert. Aus dem Iran erhält Avi dann die Todesbestätigung. Er weiß: Sie wurden hingerichtet. Schuldgefühle plagen ihn bis heute. Als er darüber spricht, kommen
ihm die Tränen: ,,Vielleicht wurden meine Eltern wegen
meiner Aktivitäten nach der Flucht hingerichtet. Vielleicht hätte ich stillhalten sollen."
Nach seiner Entlassung aus dem Spital lebte er sechs
Monate bei einem Pastorenpaar. Sie fahren ihn zum Gottesdienst in die Synagoge und verzichten seinetwegen auf
Fleisch, damit er koscher essen kann. Anschließend kehrt
er in seine kleine Wohnung zurück. Jetzt ist Avi allein auf
der Welt ­ aber doch nicht ganz. Er schöpft Kraft durch
Menschen, die ihm helfen, aber vor allem aus seinem
Glauben: ,,Mein vollständiger Name ist Aviel. Das bedeutet, dass ich einen Vater habe, der mich beschützt. Denn
nicht zufällig habe ich auch so viel Gutes in meinem Leben

erlebt." Auf Hebräisch bedeutet ,Aviel` ,,Gott ist mein
V
ater", aber religiöse Juden sagen nicht ,Aviel`, sondern
kurz nur ,Avi`, weil sie Gottes Namen nicht aussprechen.
Avi glaubt, dass Gott nur demjenigen hilft, der sich
selbst hilft. Er sucht Liebe und auf einer jüdischen Webseite findet er Miriam, 31, jüdisch und geschieden. ,,Wir
haben uns sofort verstanden und es war klar, dass wir zusammengehören", sagt Miriam. ,,Ich habe gedacht, das
ist der Mensch, auf den ich wahrscheinlich mein Leben
lang gewartet habe." Sein Schicksal erinnerte sie an das
ihres Großvaters, der den Nazis entkommen konnte. Im
August 2012 heiraten sie in Deutschland zivil, im November folgt die jüdische Trauung mit dem Segen des
Rabbiners. Miriam wollte die Flitterwochen auf Madeira verbringen. ,,Aber Aviel wollte unbedingt ins Heilige
Vol.64: Identität? Welche Identität?

Land. Er sagte: ,Ich möchte unbedingt an die Klagemauer und nach der Hochzeit möchte ich da beten, für das,
was ich im Leben neu bekommen habe.`" Miriam ist
immer gern in Israel. Vom israelischen Konsulat in Berlin erhält auch Avi ein Einreisevisum. Auf Empfehlung
des Konsulats nimmt Avi noch weitere Dokumente mit:
den jüdischen Ehevertrag seiner Eltern und auch seinen
eigenen, die Mitgliedskarte der jüdischen Gemeinde in
Deutschland und Bestätigungen der letzten Oberrabbiner im Iran vor der Revolution.
Im Dezember 2012 fliegen Avi und Miriam nach
Israel, aus Kostengründen mit einem Zwischenstopp
in Istanbul. Sie landen in Israel um zwei Uhr morgens.
Miriams Pass wird sofort gestempelt, aber Avis Pass wird
gründlich überprüft. Bald steht er vor dem gleichen Sicherheitschef, der ihn bereits einmal deportierte. ,,Er
sagte, es sei ihm egal, ob ich jüdisch sei, für ihn sei ich
ein Krimineller, weil ich einmal mit einem falschen Pass
einreisen wollte. Ich sagte, auch wenn er meine jüdischen
Unterlagen ablehnt, darf ich als Mann einer Jüdin nach
Israel auswandern. Er sagte: ,Hier ist nicht das Integrationsministerium.`"
Nach sieben Stunden ging Miriam zu ihren israelischen Verwandten, die draußen warteten. Avi wurde
erneut in einer Zelle mit afrikanischen Flüchtlingen eingesperrt. Seine Bitte, auf dem Gang beten zu dürfen, weil
man an einem schmutzigen Ort nicht beten darf, wurde
abgelehnt. ,,Mit den anderen Gefangenen habe ich nicht
gesprochen, damit sie nicht erfahren, dass Israel einen Juden einsperrt."

«Ich möchte unbedingt an die Klagemauer und
nach der Hochzeit möchte ich da beten, für das,
was ich im Leben neu bekommen habe. Das
sagte Avi, nun Bürger Deutschlands.»
Am nächsten Morgen, am Schabbat, wurde Avi wieder
deportiert ­ nach Istanbul. Nur dank einer türkischen
Polizistin, die für ihn eine Flugkarte besorgt, ist er nicht
in Istanbul gestrandet.
Seitdem kämpfen Avi und seine Frau darum, eine
Entschuldigung von Israel zu erhalten.
Im Juli 2013 wurde ihr Sohn geboren, im August
2014 die Tochter. Er absolvierte einen Deutsch-Intensivkurs und eine Kantorenausbildung und beantragte seine
Einbürgerung in Deutschland. Anfang Oktober 2015
wurde Avi ­ wie er betont, am Tag des jüdischen Fests
Simchat Tora ­ tatsächlich eingebürgert. Israel liebt er
noch immer und träumt davon, sich eines Tages in Jerusalem beim Allmächtigen zu bedanken. Bis dahin tut er
das in Deutschland, indem er zum Ende des Gesprächs
ein Lied für den ,,Herren der Welt" aus dem Buch der
Psalmen anstimmt.
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