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Jüdisches Echo 2015

Seite 111 Jüdisches Echo 2015Avi zeigt Bilder des iranischen Grenzorts auf seinem
Smartphone. In einem kurdischen Dorf wohnte er eine
Woche lang bei einer Familie. Im Rohbau eines Hauses
hocken dort hundert Flüchtlinge aus Afghanistan, Pakistan und Indien beisammen. Nach einer Woche heißt
es: Der Weg zur türkischen Grenze sei nun frei. Als die
Flüchtlinge um Mitternacht einen Berg an der Grenze
hochklettern, eröffnen iranische Polizisten das Feuer.
,,Zwei, drei Menschen wurden getroffen und sanken zu
Boden, aber ich war im Bergsteigen geübt und rannte um
mein Leben." Avi überquerte den Grenzfluss. Der türkische Grenzschmuggler verspätete sich, weil er die Schießerei gehört hatte. ,,So mussten wir in nasser Kleidung
im kalten Wind frieren." Am nächsten Tag brachte ihm
der kurdische Schmuggler, der die Grenze legal überquert
hatte, sein Geld und das Handy. Drei Monate habe sich
der jüdische Iraner in einer türkischen Grenzstadt versteckt, erzählt er bis ihm der Grenzschmuggler einen
finnischen Pass brachte. Er dachte, dass der Weg ins Heilige Land nun frei sei ­ aber er täuschte sich.
Von einem Beamten des israelischen Konsulats, den
Avi in Istanbul aufsuchte, wurde er zum UNO-Büro in
Ankara geschickt. ,,Man riet mir, in ein Land zu gehen,
wo ich Asyl bekommen könnte." Avi beschließt, nach
Frankfurt zu fliegen. Aber wie soll er die Türkei mit einem Pass verlassen, in dem der Einreisestempel fehlt? Er
reiste doch illegal ein! Zusammen mit einer Flüchtlingsgruppe passiert er daher nachts in einem Schlauchboot
illegal den Grenzfluss nach Griechenland, um dann legal
in die Türkei zurückzukommen.
Bald steht Avi vor einem türkischen Grenzbeamten und hofft, dass man ihm keine Fragen stellt, denn er
hat zwar einen finnischen Pass, versteht aber kein Wort
Finnisch.
Es klappt. Avi ist endlich legal in der Türkei und fliegt
weiter nach Deutschland, um sich dort bei der israelischen
Einwanderungsbehörde, der Jewish Agency, anzumelden.
Aber kurz vor dem jüdischen Neujahr Rosch Haschana sind dort alle Zuständigen auf Urlaub. Die Behörde
bräuchte zudem Monate, um Avis Papiere zu überprüfen,
heißt es. Er aber will seinen Eltern dringend helfen und
fliegt daher auf eigene Faust nach Israel: ,,Seit 3000 Jahren
leben wir Juden mit Hoffnung. Ich glaubte, dass meine
Eltern noch am Leben sind, und musste ihnen helfen."
Im Oktober 2010 ist Avi, der Enkel eines Rabbiners, endlich in Israel, auf dem Flughafen Ben Gurion.
,,Ich saß da und küsste den Boden des Landes Israel! Es
war wie im Traum! Das ist doch das Heilige Land, für das
ich mein Leben lang gebetet, geträumt und gespendet
habe!" Aber die Israelis lachten ihn nur aus. Papiere habe
er momentan nicht und sein Pass sei gefälscht, wie er dem
Grenzbeamten gleich erzählt. Zwei Tage lang wird er verhört, schließlich vom Sicherheitschef persönlich. Avi teilt
mit afrikanischen Flüchtlingen eine Haftzelle ohne Toilette. Seine Bitte, mit dem für Iran zuständigen Direktor
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der Jewish Agency zu sprechen, wird abgelehnt. Avi bittet
um 48 Stunden, um seine jüdischen Unterlagen aus dem
Iran schicken zu lassen. Auch das wird abgewiesen. Vergeblich erklärt er, dass viele iranische Juden keinen Pass
besitzen dürfen, damit sie nicht heimlich Israel besuchten. Schließlich wird Avi nach Frankfurt abgeschoben ­
wo auf ihn neue Gefahren lauern.
Denn die Frankfurter Polizei nahm für seine Befragung als Dolmetscherin ausgerechnet eine Mitarbeiterin
des iranischen Konsulats. ,,Sie sagte der Polizei, ich sei
Iraner und zufällig stehe eine ,Iran Air`-Maschine kurz
vor dem Abflug. Gleich nach der Befragung sollten sie
mich an Bord bringen, damit man mich zurück in den
Iran schicken würde." Avi bestritt energisch, dass er Iraner sei, und sagte, er sei ein Iraker aus Kurdistan. Die
Dolmetscherin wusste aber bereits, dass er Iran illegal
verlassen hatte und aus Israel deportiert wurde. ,,Die Iraner hätten mich wegen Spionage für Israel hingerichtet."

«Bald findet Avi einen Rabbiner, der ihn
als Jude anerkennt, in seine Gemeinde in
Bad Kreuznach aufnimmt und ihm eine kleine
Wohnung zur Verfügung stellt. Deutsche
Ärzte haben auf seinem Kopf Blutergüsse
festgestellt ­ eine Folge der Folter.»
Zum Glück glaubten ihm die deutschen Polizisten, aber
die Iraner lauerten ihm im Flüchtlingslager auf dem
Flughafengelände weiter auf. Ständig ruft man ihn von
der iranischen Botschaft an und fordert ihn unmissverständlich auf, in die Heimat zurückzukehren. Avi wird
in ein Flüchtlingsheim nach Trier verlegt. Aber auch dort
sucht ihn mehrmals ein Persisch sprechender Mann auf,
der sich als Mitarbeiter des Konsulats entpuppt. ,,Als ich
die Sicherheitsleute alarmierte, verschwand er wieder."
Irgendwann schaltet man die Polizei ein. Die Beamten
wollen die Videoaufzeichnungen überprüfen, aber auf
einmal waren alle Kameras defekt. Zum Glück hat Avi
den Iraner mit seinem Mobiltelefon fotografiert. Der
Bundesnachrichtendienst BND stellt ihm einen Betreuer
zur Seite. Von nun an darf er seinen wahren Namen niemandem mehr verraten. Ab sofort heißt er Avi.
Bald findet Avi einen Rabbiner, der ihn als Jude anerkennt, in seine Gemeinde in Bad Kreuznach aufnimmt
und ihm eine kleine Wohnung zur Verfügung stellt.
Deutsche Ärzte haben auf seinem Kopf Blutergüsse festgestellt ­ eine Folge der Folter. Er wird von einer Persisch
sprechenden Psychotherapeutin und einem Neurologen
betreut. Ein orthodoxer Rabbiner in Frankfurt bestätigte, dass er jüdisch und religiös sei, und erwirkte bei der
Ausländerbehörde die tägliche Teilnahme am Morgengebet. Denn als Flüchtling dürfte er seinen Wohnort sonst
nicht verlassen.
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