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Jüdisches Echo 2015

Seite 102 Jüdisches Echo 2015nicht gesagt: ,Geh nach Jerusalem auf die Hebräische
Universität und mache das Doktorat!`"
Über ihr Doktoratsstudium sagt Rivka heute: ,,Das
war ein unheimlich wichtiges Projekt für mich. Und
mein Mann hat mich total unterstützt." Wenn man sie
fragt, wieso es zwischen ihren Mädchen, sie sind fünfzehn und zwölf Jahre alt, und ihrem vierjährigen Sohn
so einen großen Altersunterschied gibt, antwortet sie:
,,Weil ich die Pille genommen habe", und: ,,Weil ich
mein Doktorat gemacht habe." Beide Antworten sind für
eine konventionelle jüdisch-orthodoxe Frau undenkbar:
Denn diese nimmt auf keinen Fall die Pille, bekommt
also beinahe jedes Jahr ein Kind, und sie gibt auch nicht
einer Promotion den Vorzug vor weiteren Geburten. Der
Druck, möglichst viele Kinder zu bekommen, ist in der
orthodoxen Gemeinde besonders groß.
Rivka hat noch als Hochschwangere fünf Kurse auf
der Uni gegeben, darunter auch jenen über radikalen
Feminismus und die Herrschaft der Männer über den
weiblichen Körper: ,,Und dann komme ich nach Hause
und sehe mich im Spiegel, mit meinem langen Kleid,
mit den langen Ärmeln und dem Kopftuch. Es ist wie
eine Persönlichkeitsspaltung. Und es ist nicht einfach,
in meinem Aufzug vor einer Klasse oder auf einem internationalen Kongress vor dem Publikum zu stehen
und einen Vortrag zu halten. Ich muss mich dauernd
gegen alle Vorurteile beweisen, beweisen, dass ich ,kein
Horn` unter dem Kopftuch habe. Aber ich bin beides
religiös und feministisch und ich will keines von
beiden aufgeben."
Dass sie dennoch den passenden Mann gefunden
hat ,,Er ist noch feministischer als ich" , wundert sie
selbst. Ihr Partner, sie nennt ihn im Jargon der Feministinnen bewusst so, hat einen Doktortitel in jüdischer Geschichte. Ihnen beiden ist ihre akademische Karriere sehr
wichtig: ,,Das ist natürlich schwierig, deswegen gibt es
eine klare Arbeitsteilung: Jeder ist drei Nachmittage in
der Woche mit den Kindern. Ich bereite das Essen vor
und er wäscht das Geschirr. Von Abrechnungen versteht
er gar nichts, die Steuererklärung mache ich."
Diese Gleichberechtigung in der Partnerschaft und
die Arbeitsteilung im Haushalt sind bei Weitem nicht
selbstverständlich. Da sich bei den Charedim (den streng
Religiösen ­ Anm.) die meisten Männer ausschließlich
dem Thora-Studium widmen, sind die Frauen oft Alleinoder Hauptverdiener in der Familie. Dabei dürfen sie
sich aber natürlich nicht in einem Umfeld mit Männern
aufhalten, also arbeiten sie traditionell in Schulen und
Kindergärten oder werden Krankenschwestern.
Dabei hat Rivka ihre Kindheit ohne Fernseher und
großteils in ,,Settlements" verbracht, also in Siedlungen,
die nicht innerhalb der sogenannten ,,grünen Linie" liegen, die international als Grenze Israels angesehen wird.
Die typischen Siedler sind meist sehr religiös, aber im
Gegensatz zu den Ultra-Orthodoxen sind sie zionistisch
Vol.64: Identität? Welche Identität?

und kämpfen für den jüdischen Staat. Rivka lebte zuerst
im Sinai in Jamit, das 1982 von den Israelis geräumt und
an Ägypten zurückgegeben wurde, und später in Gusch
Katif, einer Siedlungsgruppe im Gasastreifen, die 2005
den Palästinensern überlassen wurde: ,,Das war beide
Male sehr traumatisch. Beim zweiten Mal bin ich schon
vorher weggegangen, um das nicht noch einmal erleben
zu müssen. Ich habe das Leben dort geliebt, die Sonnenuntergänge, das Barfußgehen, die Natur. Aber ich spüre
auch den Schmerz der Palästinenser gut, dass nicht ich
die politischen Entscheidungen treffen muss!"
Ihre eigenen Kinder wachsen in Jerusalem auf, in
Baka, einem nicht religiösen Teil der Stadt, und ihre
zwölfjährige Tochter wird ihre Bat Mizwa, die Zeremonie an der Schwelle zum Erwachsenwerden, dort in der
feministisch-orthodoxen Synagoge feiern. ,,Meine Eltern
betreten diese Synagoge nicht, das entspricht nicht ihren
Glaubensvorstellungen", erklärt die Frauenrechtlerin.
Gleichzeitig führt sie mit ihren Mädchen Diskussionen
darüber, wie tief das Dekolleté und wie lang die Ärmel
der Kleider für diesen feierlichen Anlass sein dürfen. Dafür bekam sie letztens zu hören: ,,Mami, willst du, dass
ich auch einmal so eine ,Dossit` werde wie du?"

«Viele Gegensätze stecken in dieser kleinen,
zierlichen Frau. Sehr oft wird sie aufgrund ihrer
Kleidung unterschätzt und einmal wurde sie an
der Uni als gewalttätige Siedlerin bezeichnet.»
,,Dossit" ist ein abwertender Ausdruck für eine orthodoxe
Frau. ,,Natürlich wäre es nicht leicht für mich, wenn
meine Kinder auch einmal ,ihre Revolution` machen",
gibt Rivka zu. ,,Wir haben sie weltoffen erzogen und sie
sind sehr kritisch. Als meine Älteste sechs war, dachte ich
schon, man wirft sie aus der (sehr religiösen) Schule, weil
sie dort sagte: ,Ich glaube nicht alles, was der Rabbiner
sagt, er ist auch nur ein Mensch.` Und als sie einmal eine
schwarze Puppe geschenkt bekam, meinte sie: ,Ist das,
damit wir nicht rassistisch werden?`"
Viele Gegensätze stecken in dieser kleinen, zierlichen Frau. Sehr oft wird sie aufgrund ihrer Kleidung
unterschätzt und einmal wurde sie von einer Kollegin an
der Universität als gewalttätige Siedlerin bezeichnet: ,,Ich
habe ihr eine Predigt gehalten, wie es sein kann, dass
gerade sie, die Vorträge über Vorurteile hält, mich nur
aufgrund meines Aussehens einstuft. Sie hat sich dann
zerknirscht bei mir entschuldigt."
Manche religiöse Frauen, die außerhalb ihrer Gemeinde arbeiten oder unterrichten, legen dort ihre Kopfbedeckung ab, doch für Rivka ist das Kopftuch zu ihrem
Markenzeichen geworden, obwohl sie es längst nicht
mehr als ,,Krone" empfindet. Sie schreibt: ,,Ich spüre, dass
es nicht nur um die Beachtung einer Regel geht, sondern um
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