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Jüdisches Echo 2015

Seite 36 Jüdisches Echo 2015zunehmen. Und musste dann auf einmal erfahren, dass
ich unwiderruflich, unwidersprechbar, unbestreitbar und
ganz offensichtlich nicht mehr 19, sondern neunzig Jahre
alt war.
Plötzlich, hart und tief bin ich ins Altland gefallen.
Hier ist es schwerer, sich zurechtzufinden, als im Amerika meines ersten Exils. Schon rein physisch ist das Altland ganz anders als das Jungland gestaltet. Die Distanz
zwischen zwei Orten ist größer. Wenn ich zum Beispiel
von meiner Upper-Westside-Wohnung zum Supermarket gehe, um mir das New Yorker Äquivalent einer
Wurstsemmel zu kaufen, dann ist dieser Weg im Altland
viel länger und mühsamer, als er es im Jungland war.
Die Straßen sind permanent glitschig hier, man rutscht
leicht aus und muss daher vorsichtshalber einen Stock
benutzen. Die Stiegen sind viel steiler als im Jungland

Brigitta M aczek

«Das zweite Exil, das später kam, war die
Verbannung aus der Jugend in das Alter. Denn die
Jugend ist ja unsere biologische und psychologische Heimat.»
und strapazieren die Lungen. Aber sogar beim gemächlichen Flanieren kann einem der Atem ausgehen, denn
die Luft in diesem Land ist sehr dünn ­ dünner als am
Großglockner-Gipfel. Überhaupt ist das Altland ein
schwindelerregendes Gelände, wo die Wirklichkeit zum
Großteil elektronisch geworden ist, eine unwirkliche
Wirklichkeit, mit der man scheinbar nur mithilfe von
Computern fertig wird. Verwirrenderweise jedoch altern
diese Geräte viel rascher als ich.
Die Leute, die ich in diesem Fremdland antreffe,
sind meistens unerhört jung, direkt ärgerlich jung. Miteinander gehen sie selten so nett um, wie es die Jungen
in meinem Jungland zu tun pflegten. Hier sind sie ungeduldiger, streberischer und egoistischer und scheinen im
Umgang mit ihren elektronischen Geräten ausgeglichener und glücklicher zu sein als in der Interaktion mit
Mitmenschen. Sie haben auch die Gewohnheit, sehr leise
und schnell zu sprechen, sodass ich sie oft um eine deutliche und lautere Wiederholung des Gesagten bitten muss.
Und ich gebe gerne zu, dass sie das gar nicht so ungern
tun, für mich und meinesgleichen. Und damit bin ich
bei einer gewissen Parallele angelangt zwischen meinem
ersten und meinem zweiten Exil: Beide haben inmitten
aller Schattenseiten auch einen Lichtpunkt.
Diese ungestüm jungen Bewohner des zweiten Exils
sind nämlich oft geduldig und rücksichtsvoll angesichts
der Unbeholfenheit von uns Bewohnern des Altlands.
Sie haben Einrichtungen, die uns helfen, mit unserer
Unbeholfenheit und unseren Anfälligkeiten umzugehen. Sie sorgen sogar dafür, dass wir noch mit neunzig zu
Genüssen wie einem Wurstemmerl mit zehn Deka KraVol.64: Identität? Welche Identität?

Kunstraum Ewigkeitsgasse: Hernalser Grätzel verewigt

kauer Zugang haben. Und Zugang zu einer vorbildlichen
Institution dieser Art ­ dem Haus der Barmherzigkeit,
das jetzt ein großes Jubiläum feiert. Das Privileg, mitfeiern zu dürfen, schenkte mir einen erfreulichen Anlass,
über mein zweites Exil zu sprechen ­ genau hier, in dem
Grätzl, aus dem ich das erste Mal emigrieren musste. Vielen Dank dafür.
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,,Ecke Broadway/Hernalser
Gürtel"
Das erste Mal traf ich Frederic Morton 1986, mitten
in der Waldheim-Affäre. Damals hielt ich mich für
das ,,profil" in den USA auf, als ich in der ,,New York
Times" einen kritischen, aber Österreichs Innenleben
gut und abwägend erklärenden Kommentar Mortons
las. Ich suchte seine Nummer aus dem Telefonbuch
heraus und rief ihn an. Er lud mich sofort zu einem
Gespräch in seine Wohnung an der Upper West Side
von Manhattan ein, ein Apartment, das ­ mit alten
Fotos und Straßenschildern ­ wie ein Stück Hernals
wirkte. Damals begannen wir ein anregendes Zwiegespräch, das in den folgenden Jahren sporadisch
weiterging. Zum neunzigsten Geburtstag wurde Morton zu einer ,,Wiener Vorlesung" ins Rathaus eingeladen. Sein Vortrag hatte den Titel ,,Ecke Broadway/
Hernalser Gürtel: Ein Leben zwischen zwei Kulturen".
Im kleinen Kreis befragte ich ihn weiter zu seinen
Vorstellungen von Identität, die so interessant waren,
dass ich daraus ein Jahresthema im ,,Jüdischen
Echo" machen wollte. Einen extra dafür verfassten
Beitrag hatte ich mir von Fred Morton erhofft. Doch
dazu kam es leider nicht mehr.
Erhard Stackl

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