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Jüdisches Echo 2015

Seite 14 Jüdisches Echo 2015gert, obwohl ich durchaus verstehe, dass es sein muss.
Ich ärgere mich auch, wenn ich auf Flugplätzen dreimal
nacheinander untersucht werde, obwohl ich natürlich
keine Bombenleger mit an Bord haben will. Oft ärgere
ich mich nicht nur darüber, dass ich Jude bin, sondern
überhaupt Mensch. Aber weder gegen das eine noch
gegen das andere kann ich etwas unternehmen.
,,Mensch, wie stolz das klingt!", schrieb Gorki.

Picus V erlag /L arr y R. R. W illiams

Jude sein in Serbien
,,Irrtum, Alexei Maximowitsch, großer Irrtum", würde
ich ihm heute sagen.
Ich persönlich bin im heutigen Serbien auf keinen
Antisemitismus gestoßen, obwohl im Schaufenster einer Belgrader Buchhandlung, in der auch meine Bücher
standen, Hitlers ,,Mein Kampf" in serbischer Übersetzung
ausgestellt war. Ich machte den Chef unter Protest darauf
aufmerksam. Er behauptete, er könne doch nicht alles lesen, was ihm die Verleger zuschickten, holte das Exemplar
aus dem Schaufenster, aber nicht aus dem aden.
L
Der frühere Vorsitzende der Union der jüdischen
Gemeinden Serbiens, Aleksandar Neak, sagte, es gebe
über hundert Titel mit antisemitischem Inhalt in serbischen Buchhandlungen.
Eine junge Frau hat mir erzählt, dass ihr ausgerechnet
der Pförtner des Museums der Geschichte Jugoslawiens
sagte: Schade, dass Hitler nicht etwas länger gelebt habe,
um mit dem Ausrotten der Juden fertig zu werden. Sie
sei so perplex gewesen, dass sie keine Antwort gefunden
habe, sondern einfach schnell weggegangen sei.
Im Internet fand ich viele antisemitische Beiträge
aus Serbien. Ich zitiere ein charakteristisches Beispiel:
,,Juden sind scheiße, aber für Serbien keine Gefahr.
Man sollte sich gegen Zigeuner, Albaner und sonstiges
Pack organisieren und dieses Ungeziefer vertreiben oder
ausrotten."
Oberrabbiner Asiel beruhigt:
,,Da und dort sieht man etwas Unangenehmes, aber
nicht im Entferntesten wie in manchen europäischen
Ländern."
Ich habe sogar einen philosemitischen Trend, besonders bei einigen Vertretern des serbisch-orthodoxen
Priestertums, bemerkt, der mir unheimlich ist, nämlich
die These: ,,Die Juden und wir Serben sind Völker des
Himmels." Wieso? ,,Weil Juden und Serben im Laufe der
Weltgeschichte am meisten gelitten haben."
Religion und Israel
Das Problem, das für Juden so anders ist als für die übrigen Mitmenschen, ist, dass man als Gläubiger einer Religion angesehen wird, als zugehörig zu seinem Volk und,
Vol.64: Identität? Welche Identität?

Serbisch-österreichischer Schriftsteller Milo Dor: Ivanjis ÄgyptenUrlaub als Problem bei Gedenkfeier in Wien

was keineswegs für uns alle gilt, als Bürger des Staates
Israel. Das ist aber dreierlei und macht meine Identität umso problematischer. Ich bin Atheist, besitze zwei
Staatsbürgerschaften, die serbische und die österreichische, aber ich bin Jude. Nur weiß ich nicht genau, was
das ist.
Am einfachsten ist es mit der Religion. Es gelingt
mir nicht, an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zu
glauben, auch nicht in seiner christlichen Version als Vater, Sohn und Heiliger Geist, und was den Islam angeht,
gefällt mir nur die Mär, dass er als Nachfolger Ismaels,
des erstgeborenen Sohnes des Urvaters mit der schönen
Hagar, gilt, der in die Wüste gejagt wurde, weil der Herr
der uralten Sarah doch noch gestattete, einen ehelichen
Sohn zu gebären. Den sollte dann Abraham schlachten,
und er hätte es getan ... Ein guter Bestseller, aber ein
Glaube? Da glaube ich lieber an die Existenz der Lilith,
bevor Eva aus der Rippe Adams gemacht wurde. Die
Kraft für den mir sympathischen Buddhismus habe ich
nicht. Ich kann mir das Nichts einfach nicht vorstellen.
Erklärbar ist auch meine Beziehung zu Israel. Obwohl
ich nicht sein Bürger bin, könnte ich es ohne weiteres werden und habe auch darüber nachgedacht. Wenn ich es
wäre, hätte ich bei den letzten Wahlen nicht Netanjahu
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