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Jüdisches Echo 2015

Seite 13 Jüdisches Echo 2015Meine Frau auf dem Sandstrand in Netanya. Ein Mann,
der so aussieht, wie ein amerikanischer Film einen
Mossad-Mann besetzen würde, gibt Liegestühle und
Sonnenschirme aus, kümmert sich auch sonst um Ordnung, spricht alle Sprachen, wir kommen auf Deutsch
ins Gespräch und er stellt fest: ,,Du bist Jude!"
Meine Frau, ehemalige Ballerina, stellt sich in die
hübscheste Bikinipose, nimmt die Sonnenbrille ab und
fragt: ,,Und ich?"
,,Leider nein!" So wie zweieinhalb Jahrzehnte vorher
der ostdeutsche Botschafter in Belgrad bedauerte, dass
sie eine Schickse ist. Diese Reaktion des Badestrandaufsehers hat mir missfallen.
An einem anderen Tag wollten wir zu einem einsamen Strand, auf dem mich meine Cousine, bei der wir
wohnten, aufmerksam gemacht hat. Er wird wenig besucht, man muss aber mehr als hundert Stufen hinunterund später leider wieder hinaufsteigen. An diesem Tag
war er voller Schulkinder. Wir waren zufällig auf einen
kleinen Wettbewerb für Drachenfliegen gestoßen.
Alle Kinder hielten Leinen in der Hand, an deren
Ende hoch oben die farbenprächtigen, kleinen Fluggeräte im Himmel schaukelten. Auch halbwüchsige Mädchen ließen ihre Drachen steigen, obwohl sie sich ein
wenig zu schämen schienen, weil sie sich zu erwachsen
dafür fühlten und verhalten kicherten. Selbst die Lehrerinnen führten Leinen an der Hand und die beiden
schwer bewaffneten Polizisten, die dabei waren, ebenfalls. Alle ließen Drachen steigen, und das Firmament,

das blaue Gewölbe hoch oben über ihren Köpfen und
ihrem Lachen, der Himmel Israels, war voller vielfarbiger und silbriger und goldener Drachen, die hin und
her schwankten und spielten und tanzten im Wind, und
meine Frau sagte: ,,Das da oben ... diese Drachen ... Du,
das sind die Seelen der Kinder von Auschwitz ..."
Mensch, wie stolz das nicht mehr klingt
Nach dem Tod von Milo Dor (serbisch-österreichischer
Schriftsteller, 1923­2005, Anm.) wurde zu seinen Ehren
2006 eine Veranstaltung in der Wiener Tempelgasse
organisiert. Ich sollte über ihn sprechen. In der Einladung hieß es, man solle Lichtbildausweise mitnehmen.
Vor dem Eingang zeigten wir zwei jungen, zivil gekleideten Männern unsere österreichischen Reisepässe. Sie
stießen auf ägyptische Sichtvermerke. Warum waren wir
dort? Auf Urlaub. Wo, bitte, genau? In Sharm El-Sheik.
Haben wir dort mit jemand gesprochen? Mit niemand
Besonderen, mit den Kellnern, den Leuten an der Rezeption ... Keine politischen Gespräche? Nein, aber allmählich begannen die beiden mir auf die Nerven zu gehen,
und dann kam als Höhepunkt die Frage:
,,Führen Sie jetzt zufällig Waffen bei sich?"
,,Nein, aber ich bin ein besserer Jude als ihr, ich war
in Auschwitz, Kinder, lasst uns endlich durch!"
Das wirkte natürlich: ,,Entschuldigen Sie, wir üben
nur unsere Pflicht aus!"
Ich dachte, das haben auch ganz andere gesagt, aber
wollte die beiden nicht verwirren. Es hat mich geär-

Ivan Ivanji (Erster v. li.) dolmetscht für Veselin uranovi (jugoslawischer Premier 1977­82, Zweiter v. li.) und dessen Gäste Bruno und Vera Kreisky

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privat

Die Seelen der Kinder von Auschwitz

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