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Gesundheitsführer Vest 2016

Seite 12 Gesundheitsführer Vest 2016FACHBEITRAG

WAS BRINGT EIN ÄRZTENETZ FÜR DIE VERSORGUNG
UNSERER REGION?
RANIQ-VORSITZENDER DR. MED. THEO UHLÄNDER IM INTERVIEW
Die Figurengruppe vor dem Recklinghäuser Rathaus heißt
zwar ,,Bürger tragen ihre Stadt". Sie symbolisiert aber auch sehr
gut den Kerngedanken eines professionellen Netzwerks zwischen Arztpraxen, Patienten und anderen Leistungsträgern im
Gesundheitswesen. So sieht es Dr. Theo Uhländer als Vorsitzender des Recklinghäuser Arztnetzes für Information und Qualität RANIQ. Um welche konkreten Ziele, Aufgaben, Vorteile und
Leistungen im Praxis- und Patienten-Alltag geht es?
Was verstehen Sie unter
dem Begriff Netzwerk im
Gesundheitswesen?
Dr. Uhländer: Vernetzung
wird immer wichtiger in der
regionalen, konkurrenzorientierten
Gesundheitsversorgung. Professionelle Strukturen sind entscheidend für ein
modernes Arztnetz mit mehr
Information und mehr Qualität. Wir machen dazu ,,gemeinsame Sache" im besten
Sinne des Wortes. Es geht für
alle Beteiligten um klare, einfache, zeit- und geldsparende
Spielregeln der unternehmerischen Zusammenarbeit ohne
Umwege und mit wenig Papierkram. Es geht nicht um einen Mitgliedsbeitrag und ein
paar Sitzungen im Jahr. Wir
müssen uns quasi zu einer stabilen Unternehmensform mit
durchorganisiertem Management zusammen finden, um
unsere Zukunftsfähigkeit zu
sichern.
Vor welchen Herausforderungen stehen Ihre
Mitglieds-Praxen?
Dr. Uhländer: Ärzte, Praxen
und deren Fachkräfte sind in
der Tat stark gefordert. Ständiger Wandel der Anforderungen seitens des Gesetzgebers, Unterfinanzierung der
Leistungen und überbordende Bürokratie sind nur einige Problemfelder. Wir haben
hier für unsere Patienten und
die Versorgungsaufgaben in
Recklinghausen bereits bedeutende Fortschritte erzielt.
Kooperationsstrategien sind
für klassische Unternehmen

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Gesundheitsführer VEST

nicht neu, für unsere Branche
mittlerweile auch nicht mehr.
RANIQ ist ein Beispiel dafür,
wie große Herausforderungen
im Gesundheitswesen durch
vernetztes Denken und vernetzte Leistungsangebote erfolgreich bewältigt werden
können.
Nennen Sie doch bitte
konkrete Vorteile, die durch
Vernetzung für Patienten
erzielt und wie Doppelarbeiten vermieden wurden?
Dr. Uhländer: Eines der ersten
größeren Projekte von RANIQ
waren Konzeption und Einrichtung einer informativen
Internetseite für unsere Mitglieder und die Öffentlichkeit.
Wir planen auch medizinische
Informationsveranstaltungen
unserer Mitglieder und sind
bereits beteiligt an diversen
Gesundheitsveranstaltungen
(z. B. Darm, Diabetes etc.).
Ein naheliegender Ansatzpunkt für Verbesserungen
war die Schnittstelle zwischen
Krankenhaus und Arztpraxis.
Insbesondere die Vermeidung
von Doppeluntersuchungen
war und ist ein ständiges Thema. Wir stehen auch im Hinblick auf das Entlassungsmanagement in regelmäßigem
Kontakt mit den Krankenhäusern. Dabei arbeiten wir
seit längerem mit der Knappschaftskrankenkasse und der
DAK als Vertragspartner und
deren Häusern zusammen
(PROGESUND-Netzwerk).
Wir hatten zudem früh das
Thema Patientenverfügung im
Fokus. Ebenso die Versorgung

der Palliativpatienten im häuslichen Bereich. Hierzu hat RANIQ sowohl die Gründung des
Palliativdienstes
angeschoben, als auch an diversen Informationsveranstaltungen
teilgenommen und eine Broschüre erarbeitet. Wir haben
vertraglich geregelt, wie herzkranke Patienten besser versorgt werden können und erproben weitere Verfahren. Die
EDV-Vernetzung
zwischen
Haus- und Fachärzten steht als
nächstes auf unserer Agenda;
die EDV-Vernetzung mit den
Krankenhäusern soll folgen.
Zum Stichwort Qualitätsmanagement: Zertifikate
und Normen sind auch aus
Arztpraxen kaum mehr
wegzudenken, oder?
Dr. Uhländer: Das hat einen
sehr großen Stellenwert. Alle
Mitglieder haben sich zur Einführung eines Qualitätsmanagementsystems verpflichtet
und lassen sich regelmäßig
zertifizieren. Wir müssen den
hohen Standard halten, regelmäßig überprüfen und auf
dem neuesten Stand sein. Der
Gesetzgeber traut uns in eigener Verantwortung die Mitentwicklung der Gesundheitsversorgung in unserer
Region zu. Wir haben das mit
unserem Arztnetz angenommen ­ und zwar mit beachtlichen Erfolgen. Die sind nach
meinem Gefühl intern und extern noch nicht ausreichend
bewusst und bekannt. Wie für
das Qualitätsmanagement haben wir uns auch für die Kommunikations- und Medienarbeit professionell verstärkt.
Wie kümmert sich Ihr Netz
um das Thema Aus- und
Weiterbildung z. B. von
Ärzten und Praxisteams?
Dr. Uhländer: Gemeinsam
mit dem Elisabeth-Hospital Recklinghausen-Süd, dem
Prosper-Hospital und dem

Elisabeth Krankenhaus Herten, dem Klinikum Vest mit
Knappschaf tskrankenhaus
und Paracelsiusklinikum Marl
haben die Arztnetze RANIQ,
MAN (Marler Arztnetz) und
HEP (Hertener Praxisnetz) einen Weiterbildungsverbund
für Allgemeinmedizin gegründet. Dieser betreibt und garantiert die Ausbildung zukünftiger Hausärzte zusammen
mit der Uniklinik Bochum. Die
Mitgliedschaft bei uns zahlt
sich schon allein im Hinblick
auf die vielen Fortbildungen
aus, die wir kostenlos anbieten. Auch Fort- und Weiterbildung der Fachangestellten ist
uns wichtig. Kurz gesagt bieten wir all das an Themen an,
was in den Praxen auf den Nägeln brennt.
Was tut RANIQ, um den
gravierenden Generationswechsel bei Ärzten im Vest
zu bewältigen?
Dr. Uhländer: Ärztenachwuchs und Praxisnachfolge
sind nicht nur in ländlichen
Bereichen ein Problem. Auch
in Recklinghausen und Umgebung liegt der Altersdurchschnitt derzeit bei 56 Jahren.
Wir wollen langfristig vorsorgen durch verstärkte Kooperation mit Ausbildungs-Kliniken. Junge Ärztinnen und
Ärzte sollen so früh wie möglich auch die Chancen der Arbeit in der ambulanten Medizin kennenlernen. Sie sollen
wissen, in welcher Praxis sie
eine Ausbildung machen können bzw. wo eine Mitarbeit
oder Übernahme möglich ist.
Die Arbeitszeitmodelle, sei es
als Selbständiger oder Angestellter, sind vor allem für die
weiblichen Nachwuchskräfte
sehr attraktiv. Auch damit will
RANIQ junge Kolleginnen und
Kollegen Im Interesse der kontinuierlichen Patientenversorgung langfristig an die Region
Recklinghausen binden.

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